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\author{Stefan Merten <{{EMAIL:smerten@oekonux.de}}>}
\title{GPL-Gesellschaft - Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft}


\begin{document}

\maketitle

\chapter{GPL-Gesellschaft - Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft}


von Stefan Merten \$<\${\textit{smerten@oekonux.de}}\$>\$


\section{Vorbemerkungen}


\subsection{Gewachsen aus dem Oekonux-Diskurs}





Der vorliegende Beitrag ist aus dem Diskurs gewachsen, der seit
Sommer 1999 auf der Mailing-Liste
{\textit{liste@oekonux.de}}{\footnote{Die Mailing-Liste wird im Web
unter \verb!http://www.oekonux.de! archiviert. Dort findet sich auch
weiteres ein- und weiterführendes Text-Material.}} läuft. Ohne die
vielfältigen Impulse und Gedanken, die dort stetig entstehen, wäre
dieser Beitrag nicht möglich gewesen.


\subsection{Beitrag zum Oekonux-Diskurs}


Gleichzeitig soll hiermit ein Beitrag zu eben diesem Diskurs
geleistet werden, wobei hauptsächlich zwei Aspekte verfolgt werden.


\subsubsection*{Linien, die aus der Vergangenheit in die Zukunft weisen}








Einige Phänomene, die bereits in der Vergangenheit aufgetreten oder
aber gegenwärtige Entwicklungen sind, werden daraufhin untersucht,
inwieweit sie in einer GPL-Gesellschaft{\footnote{Der Begriff
{\textit{GPL-Gesellschaft}} ist im Oekonux-Diskurs geprägt worden.
Eine frühe Erwähnung findet sich in {\textit{GNU/Linux - Meilenstein
auf dem Weg in die GPL-Gesellschaft}}. Der Begriff bezeichnet eine
gesellschaftliche Formation, die auf den Prinzipien der Entwicklung
Freier Software beruht. {\textit{GPL}} bezeichnet dabei die GNU
{\textit{General Public License}}, die die formal-rechtliche Grundlage
für einen großen Teil Freier Software bildet.}}{\footnote{Eine nähere
Betrachtung der Bezeichnung GPL-Gesellschaft zeigt, daß in einer
solchen Gesellschaft eine Lizenz wie die GPL nicht mehr nötig sein
dürfte. Auch aus anderen Gründen wurde die Bezeichnung mehrfach
kontrovers in der Oekonux-Liste debattiert. Aufgrund der mittlerweile
nennenswerten Verbreitung der Bezeichnung, halte ich eine Beibehaltung
dieser Bezeichnung aber für angezeigt.}} zu dominanten Formen werden
können.


\subsubsection*{Ein Stückchen Vision, um Denkblockaden zu überwinden}


Der Großteil des Beitrags breitet aber einige Elemente einer Vision
einer GPL-Gesellschaft aus. Dies soll einerseits dazu dienen, sich
eine solche Gesellschaft heute vorstellbarer zu machen, andererseits
wird öfters an aktuelle Entwicklungen angeknüpft, so daß dieser Teil
auch als Ideensammlung für Ansatzpunkte konkreten politischen Handelns
gelesen werden kann. Daneben wird auch deutlich, daß eine solche
Gesellschaft von den heute gegebenen Voraussetzungen her gar nicht
mehr so übermäßig utopisch ist.





Als ein Beitrag zum Oekonux-Diskurs wurde dieses Papier bereits
während seiner Entstehung in mehreren Teilen in die
{\textit{Oekonux-Mailing-Liste}} gepostet, woraufhin einige Aspekte
dort {\textit{diskutiert und weitergedacht}} worden sind.


{\textbf{Disclaimer: }}


\subsection{Kein wissenschaftlicher Anspruch}








Der Beitrag kann leider wissenschaftlichen Ansprüchen nicht genügen.
Ich fände es ausgesprochen wünschenswert, wenn für die hier
angesprochenen Aspekte ausreichend Ressourcen zur Verfügung stünden,
die eine wissenschaftliche Untersuchung möglich machen würden. Dies
ist bislang leider nicht der Fall, sondern wie eigentlich alles im
Oekonux-Projekt ist auch dieser Beitrag in Freier{\footnote{Das große
"F", das in diesem Beitrag das Wort "Frei" oft schmückt, soll
andeuten, daß es sich um ein "Frei" im Sinne Freier Software
handelt.}} Tätigkeit entstanden, für die Einzelne sich in ihrem je
konkreten Leben geistige und zeitliche Ressourcen verschafft haben.


\subsection{Einige Beispiele sollen die Richtung illustrieren}


An mehreren Stellen werden im Beitrag Beispiele verwendet. Diese
Beispiele sind lediglich als Illustration eines Gedankens gemeint und
dürfen nicht als normative Vorgaben mißverstanden werden. Wie immer
ist das eigenständige Nachdenken gefragt, das selbstredend zu ganz
anderen Ergebnissen kommen kann.


\subsection*{{\textbf{Fazit: }}Das hier ist ein Versuch!}





\chapter{Vergangenheit}


Schon immer finden sich in der Geschichte der Menschen vielfältige
Phänomene. Welche dieser Phänomene historisch wirkungsmächtig werden,
hängt dabei von einer Vielzahl von Faktoren ab. Allerdings bilden sich
immer wieder Systeme heraus, in denen über lange Zeiträume ganz
spezifische Aspekte menschlicher Existenz dominant sind. Zu denken
wäre hier an die Religion, die in feudalen Gesellschaftsystemen eine
zentrale Rolle eingenommen hat, oder an das Geld, das in unserer noch
fortdauernden kapitalistischen Gesellschaftsformation die
Dominanzrolle übernommen hat. An beiden Beispielen wird insbesondere
deutlich, daß der zu bestimmten Zeiten dominante Aspekt zu anderen
Zeiten keine große Rolle gespielt hat bzw. spielt.


Dieser Abschnitt soll zeigen, daß Aspekte, die aufgrund
theoretisch-empirischer Überlegungen zu Dominanten der
GPL-Gesellschaft werden sollen, schon sehr lange existieren. Dies mag
als Anknüpfungspunkt für Überlegungen dienen, die die Prinzipien der
Entwicklung Freier Software auf andere Bereiche übertragen möchten.


\section{Frühere SelbstentfalterInnen}








Einer der zentralen Aspekte im Diskurs um die GPL-Gesellschaft ist
der der {\textit{Selbstentfaltung}}{\footnote{Wir grenzen bewußt vom
Begriff der Selbstverwirklichung ab, da Selbstverwirklichung einen
letztlich beschränkten Prozeß bezeichnet - wer irgendwann wirklich
ist, hat's hinter sich. Selbstentfaltung ist jedoch als unbeschränkter
Prozeß zu verstehen, der während des gesamten Menschenlebens
stattfinden kann. Weiterhin ist Selbstentfaltung immer als ein in die
Gesellschaft eingebetteter Prozeß gedacht, der sich von dem oft als
ausschließlich individualistisch verstandenen Begriff
Selbstverwirklichung abhebt.}}. Selbstentfaltung in verschiedenen
Ausprägungen{\footnote{Eine unvollständige Aufzählung verschiedener
Aspekte von Selbstentfaltung, die im Oekonux-Diskurs bisher
aufgetaucht sind: Spaß an bestimmten Tätigkeiten, Beseitigung von
Notwendigkeit, Übernahme von Verantwortung, Kooperation mit anderen,
Interesse an hoher Qualität.}} wird als zentrales Motiv für die
Entwicklung und letztlich auch den Erfolg Freier Software verstanden.
Selbstentfaltung ist aber nun wahrlich nichts, was die Freie Software
erfunden hat, sondern eine tief im Menschen angelegte Möglichkeit.
Klar, daß sich Ausprägungen dieser Möglichkeit auch zahlreich in der
Vergangenheit finden lassen. Hier seien einige dieser Ausprägungen
herausgegriffen.


\subsection{KünstlerInnen}


KünstlerInnen sind vielleicht das naheliegendste Beispiel für
klassische Selbstentfaltung. Ja, die KünstlerIn definiert sich
geradezu durch Selbstentfaltung.











In besonders reiner Form tritt dies bei einigen verarmten
KünstlerInnen zu Tage, denen ihr künstlerisches Schaffen so sehr
Berufung{\footnote{Der Begriff der Berufung bezeichnet einen Zustand,
der sehr stark von Selbstentfaltung geprägt ist. Wer sich wirklich zu
etwas berufen fühlt und dieser Berufung nachgehen kann, die kann sich
maximal entfalten.}} ist, daß ihre materielle Existenz darüber ins
Hintertreffen kommt{\footnote{Auch für Software-Entwicklung wird immer
wieder festgestellt, daß sie mit künstlerischen Aspekten verbunden
ist. Aus eigener Erfahrung würde ich bestätigen, daß gute Software
eine Menge mit Ästhetik zu tun hat, ja, daß eine ästhetisch aufgebaute
Software auch eine gute Software ist. Software-EntwicklerInnen haben
allerdings gegenüber anderen KünstlerInnen den großen Vorteil, daß die
Produkte ihrer Kunstfertigkeit ausgesprochen gefragt sind.}}. Weniger
wichtig ist der Aspekt der Selbstentfaltung dagegen bei solchen
KünstlerInnen, die in erster Linie für einen Markt produzieren. Durch
die Orientierung an der Verkaufbarkeit ihrer künstlerischen Produkte
treten hier mehr oder weniger deutliche Brüche zwischen der
künstlerischen Selbstentfaltung und den Marktvorgaben auf.





Eine Kunstgattung, an der beide Phänomene leicht zu studieren sind,
ist die Musik. Hier kennen wir sowohl Menschen, die ausschließlich zur
Selbstentfaltung musizieren - in besonders reiner Form in der
Hausmusik zu finden - als auch Menschen, die Musik für einen
Massenmarkt produzieren bis hin zu den willfährigen Marionetten der
Musikindustrie, die uns tagtäglich aus den Radios und
Video-Clip-Kanälen des Fernsehens entgegentönen. Zwischen diesen
Extremen gibt es einen weiten Bereich, in dem sich Selbstentfaltung
mit Fremdbestimmung durch Marktinteressen auf vielfältige Weise
mischt.


\subsection{BastlerInnen und andere handwerkliche HobbyistInnen}








Aber auch nicht als künstlerisch verstandene, nichtsdestotrotz aber
schaffende Tätigkeiten können Ausprägungen von Selbstentfaltung sein.
Es hat immer wieder ausgedehnte BastlerInnen-Kulturen gegeben, die aus
konkreter Notwendigkeit{\footnote{In diesem Zusammenhang ist auch an
verbreitete Verhaltensweisen z.B. bei Hobby-GärtnerInnen zu erinnern,
in der (vorübergehende) Überschüsse in der Erntezeit Frei an Nachbarn
und Bekannte verteilt wurden und immer noch werden.}}, oft aber auch
aus Freude am Schaffen tätig geworden sind. Z.B. ist auch die
Entwicklung von Computer-Hardware, die heute als Personal Computer
bezeichnet würde, über einige Zeit in erheblichem Umfang durch private
Bastelei geprägt worden.{\footnote{Vgl. {\textit{Free Hardware Design
- Past, Present, Future}}}}





Die Beschäftigung mit Material, Technik und Problem gepaart mit
handwerklichem Können ist immer schon ein Bereich gewesen, in dem
Menschen ihrer Selbstentfaltung gefrönt haben. Allerdings waren solche
Basteleien bislang immer auf einem nicht-industriellen und damit
niedrigen Produktivitätsniveau angesiedelt.


Nun sind die industriellen Produktionsmittel, die Maschinen, die für
andere Bastelprodukte benötigt würden, eben auch in Anschaffung und
Unterhalt sehr aufwendig. Die massenhafte Verbreitung von PCs und
Internet, die gleichermaßen in der industriellen / kommerziellen
Software-Produktion wie bei Freien Software-EntwicklerInnen verwendet
werden, ist in dieser Beziehung ein neues Phänomen. Durch diese
Vergesellschaftung industrieller Produktionsmitteln werden die
HobbyistInnen in die Lage versetzt, auf dem mindestens gleichen
Produktivitätsniveau tätig zu werden wie im die EntwicklerInnen im
industriellen Bereich.


\subsection{Tätigkeit im sozialen Bereich}





Doch es gibt noch ganz andere Felder menschlicher Aktivität, in denen
Selbstentfaltung eine Rolle spielt. So werden helfende Tätigkeiten im
sozialen Bereich oft als Selbstentfaltung wahrgenommen.


\subsection{Tätigkeit im familiären Umfeld}





Auch die Tätigkeit im familiären Umfeld wird oft als ein Feld von
Selbstentfaltung beschrieben. Insbesondere der Umgang mit Kindern gilt
vielen als eine ganz spezifische, leider allzuoft fest an das
weibliche Geschlecht gekoppelte Form der Selbstentfaltung.








An diesem Beispiel werden vielleicht besonders deutlich, wie
verschiedene Aspekte von Selbstentfaltung zusammenwirken: Spaß an der
Tätigkeit, Beseitigung von Notwendigkeit und Übernahme von
Verantwortung sind im Umgang mit Kindern kaum voneinander zu
trennen{\footnote{Auch die Motivation zum Entwickeln Freier Software
ist oft nicht durch einen einzigen Aspekt geprägt, sondern konkrete
Notwendigkeit, Freude am Schaffen, eine Verantwortung gegenüber den
NutzerInnen und weitere Aspekte amalgamieren sich zu einer komplexen
Motivation.}}.








An diesem Beispiel wird jedoch auch deutlich, wie der Stellenwert
bestimmter Inhalte von Selbstentfaltung sich historisch verändert. War
Kindererziehung noch vor einigen Jahrzehnten nicht nur
gesellschaftlich und individuell völlig unumstritten, so hat
insbesondere durch die Frauenemanzipation ein deutlicher
Wertewandel{\footnote{Dieser Wertewandel wurde vor allem durch
Änderungen in der Ideologie erzielt. Das vorherrschende ideologische
Bild der Frau als Mutter wurde über die Jahre immer mehr durch ein
Bild einer Frau ergänzt, die nicht ausschließlich auf die Mutterrolle
festgelegt ist. Entsprechende Entwicklungen für Männer sind hier erst
in Spurenelementen zu erkennen.}} stattgefunden, der sich sowohl
gesellschaftlich als auch individuell niederschlägt.


\subsection*{{\textbf{Fazit: }}Selbstentfaltung hat es schon immer gegeben}











Wir können also feststellen, daß es Selbstentfaltung in der
menschlichen Geschichte schon immer und auf vielfältigste Art und
Weise gegeben hat.


Wie am Beispiel der Familientätigkeit deutlich wird, unterliegen die
je konkreten Inhalte von Selbstentfaltung einem
gesellschaftlich-historischen Wandel. Dies gilt es gerade beim
Nachdenken über eine GPL-Gesellschaft im Auge zu behalten, da hiermit
Einflußgrößen auf Inhalte von Selbstentfaltung sichtbar werden. Soll
eine GPL-Gesellschaft ganz auf der Selbstentfaltung der Mitglieder
beruhen, so kann es bedeutsam sein, solche Einflußgrößen zu kennen und
ggf. auch im Interesse einer funktionsfähigen Gesamtgesellschaft zu
nutzen.


\section{Freie Information}





Neben der Selbstentfaltung spielt die Freie Information in der
Entwicklung Freier Software und für deren Erfolg eine außerordentlich
wichtige Rolle. Die Offenlegung des Quellcodes{\footnote{Ein
Computer-Programm wird in einer Programmiersprache geschrieben. Diese
Form wird Quelle genannt und ist von Menschen lesbar. Zur Ausführung
durch den Computer wird diese Quelle in vielen Fällen in das
sogenannte Binary übersetzt, das dann im wesentlichen nur noch von der
Maschine "verstanden" werden kann. Proprietäre Software wird in aller
Regel nur in dieser binären Form ausgeliefert, so daß der KäuferIn der
Zugang zu dem im Programm steckenden Wissen verborgen bleibt.}} und
dessen Freie Verfügbarkeit trägt unmittelbar und auf verschiedenen
Weisen zum Erfolg Freier Software bei.





Nun hat es aber auch auf dem Feld der Information bzw. des
Wissens{\footnote{Ich möchte als Arbeitsbegriff unter Wissen diejenige
Information verstehen, die ein Mensch in seinem Kopf hat. Der
allgemeinere Begriff der Information ist dagegen vom Menschen abgelöst
und kann z.B. bei der Maschinensteuerung, aber auch zur Steuerung der
Eiweißproduktion in der Zelle herangezogen werden.}} schon immer
Phänomene Freien Wissens gegeben. Einige Beispiele.


\subsection{Wissenschaft}














Die Wissenschaft ist sicher einer der klassischen Bereiche Freier
Information. Der Freie Fluß{\footnote{Mir liegt daran, hier nicht von
einem "Austausch" zu sprechen, da es sich einerseits eben nicht um
einen Austausch handelt - nicht jedeR, die etwas bekommt, gibt auch
etwas - und andererseits der Begriff des Austauschs das eigentlich
Spannende eher vernebelt als erhellt.}} von geistiger oder
naturwissenschaftlicher Erkenntnis in einer Wissenschafts-Community
gehört seit jeher zum wissenschaftlichen Grundverständnis. Und die
wissenschaftlichen Communities aller Epochen hatten auch einen
einfachen Grund für diese Praxis: Es war einfach nützlich,
wissenschaftliche Erkenntnis zu verbreiten und durch
Peer-Review-Techniken{\footnote{Der in der Wissenschaft explizite
Peer-Review, bei der fachkompetente KollegInnen ihre Ergebnisse
untereinander begutachten, ist auch in der Freien Software an der
Tagesordnung - durch die offen liegenden Quellen ist dies ja auch
einfach möglich. Es gab allerdings schon bei den Handwerksgilden
solche Peer-Review-Techniken, über die u.a. die Einhaltung gewisser
Qualitätsstandards durch alle Gildemitglieder überprüft wurde.}}
evolutionär zu verbessern. In vielen Fällen wurden wissenschaftliche
Errungenschaften auch von den EntdeckerInnen als Teil einer
kollektiven Leistung angesehen{\footnote{Bekannt ist der Newton
zugeschriebene, vermutlich aber viel ältere Ausspruch, daß er nur
deswegen weiter sehen konnte als andere, weil er auf den Schultern von
Riesen stehe.}}.





Auch heute noch wird in den Sonntagsreden dieser Anspruch der Freien
Veröffentlichung aufrecht erhalten, tatsächlich findet Wissenschaft
aber immer öfter hinter verschlossenen Türen statt. Dieser Verschluß
wissenschaftlicher Erkenntnis ist der Geldform geschuldet, die auch
diesen Bereich zunehmend überwuchert. Die daraus resultierende
Verknappung von neuem Wissen kann für die jeweiligen InhaberInnen des
Wissens für eine gewisse Zeit eine Einkommensquelle bedeuten. Es ist
anzunehmen, daß diese abgeschlossene Wissenschaft auch in schlechteren
Ergebnissen resultiert als mit gleichem Ressourceneinsatz betriebene
Freie Wissenschaft.


Andererseits gibt es aber in der Wissenschafts-Community auch
interessante Entwicklungen, wo WissenschaftlerInnen ihre Ergebnisse
auf eigene Faust im Web publizieren. Mittlerweile gibt es sogar von
Seiten der WissenschaftlerInnen {\textit{Forderungen an die
Wissenschaftsverlage}}, die publizierten Artikel nach einer gewissen
Frist im Web zu veröffentlichen.


\subsection{Freie Kochrezepte}





Doch auch in viel profaneren Bereichen menschlichen Lebens spielt
Freie Information eine bedeutende Rolle. Kochrezepte sind seit jeher
Information, die Frei verteilt werden, jedermensch zur Verfügung
stehen und die permanent weiterentwickelt werden.





Überhaupt gibt es bei den Kochrezepten viele verblüffende Parallelen
zu den Prinzipien der Entwicklung Freier Software. Die weltweite
Koch-Community verteilt Rezepte Frei untereinander und sie stehen
allen zum Nutzung zur Verfügung. Kochrezepte können selbstredend
angepaßt und beliebig verändert werden. Auch die Qualität der heute
verfügbaren Kochrezepte - wobei deren unüberschaubare Vielfalt bereits
eine Qualität für sich ist - wäre ohne diesen Freien Fluß sicher nicht
so hoch. Kochrezepte werden wie Freie Software für einen je konkreten
Nutzen, für ein konkretes Bedürfnis ersonnen und wer schon mal selbst
gekocht und damit ein Kochrezept zumindest angewendet hat, wird
bestätigen, daß es beim Kochen durchaus Selbstentfaltungsaspekte gibt.





Sogar zu bei der Freien Software üblichen und teilweise verkauften
Distributionen gibt es das Pendant der Kochbücher. Auch hier wird
weniger für die Information als für deren Zusammenstellung und mediale
Aufbereitung bezahlt. Durch das Internet und entsprechende
Kochrezept-Sites{\footnote{Vgl. z.B. \verb!http://www.chefkoch.de/!}}
ergeben sich weitere Ähnlichkeiten.





Allerdings spielt sich die Entwicklung von Kochrezepten im
nicht-industriellen, eher häuslich-handwerklichen Bereich ab. Dies ist
allerdings ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zu Freier Software.


\subsection{Freie Musik}








Auch Musik war über den größten Teil der Menschheitsgeschichte eine
Freie Information. Erst seit historisch kurzer Zeit wird mit Hilfe des
Copyrights diese Form der Information künstlich
verknappt{\footnote{Ziel dieser künstlichen Verknappung soll angeblich
sein, daß die MusikerInnen von ihrer Musik leben können. Mindestens
die heutige, konkrete Ausgestaltung der Verteilung der Einnahmen
sichert aber vor allem riesige Gewinnmargen der Musikindustrie.}}.








Vor dieser Zeit war Musik ein Gemeingut und der Freie Fluß von
Melodien, Rhythmen, Stilen und anderen Aspekten von Musik hat uns erst
die musikalische Vielfalt{\footnote{Auch hier schlägt sich übrigens
das Verwertungsinteresse vor allem der Musikindustrie negativ nieder.
Anstatt uns mit einer reichhaltigen musikalischen Kultur zu
bereichern, ist es für die Musikindustrie viel lukrativer, einen
Einheitsbrei über den gesamten Planeten zu kippen. Eine BeFreiung der
Musik (auch) für die breite Masse wäre eine auch kulturell
interessante Forderung.}} beschert, die wir heute genießen können.


\subsection{Freie Geschichten, Märchen}








Eine ähnliche Entwicklung läßt sich im Bereich der Geschichten
feststellen. Die Brüder Grimm beispielsweise sammelten nur seit
Generationen überlieferte Märchen auf und brachten sie in das Medium
Buch. Erst mit diesem Schritt wurde das vorherige Allgemeingut
Copyright-fähig und noch dazu wurde es oft einer Person zugerechnet.


In oral geprägten Kulturen gilt dagegen die GeschichtenerzählerIn nur
als InterpretIn des allgemeinen Geschichtenschatzes. Die persönliche
Leistung beschränkt sich in dieser Sicht auf die je konkrete
Ausgestaltung der Geschichte während der Erzählung. Und tatsächlich
ist auch Literatur ohne den kulturellen Background nicht vorstellbar,
so daß jegliche Literatur immer auch als ein Ergebnis
gesellschaftlichen Seins verstanden werden kann.


\subsection*{{\textbf{Fazit: }}Das Konzept Freier Information ist nicht neu}














Das Konzept Freier Information ist also nicht neu. Vielmehr ist das
Konzept des Copyrights historisch neu und die Vermarktung von
Information ist überhaupt erst möglich, seitdem es Medien gibt, an die
die Information fest gebunden werden kann (z.B. Bücher, CDs), die
knapp{\footnote{Genau diesen Punkt knackt die durch Computer gegebene
breite Verfügbarkeit der digitalen Kopie. Die digitale Kopie
verunmöglicht eine Verknappung durch eine Verknappung von
Informationsmedien. Der sich ergebende Konflikt zu den herkömmlichen
Vermarktungswegen wird seit einiger Zeit im Bereich der Musik
ausgetragen (Stichwort: {\textit{Napster}} vs. RIAA), wird sich aber
in Kürze auf andere Bereiche ausdehnen.}} sind und sich somit zur
Ware{\footnote{Waren sind Güter, die für den Verkauf hergestellt
worden sind. Güter im allgemeinen werden jedoch für alle möglichen
Zwecke hergestellt. Im Oekonux-Diskurs steht vor allem der konkrete
Nutzen eines Gutes im Mittelpunkt.}} eignen.








An diesen herkömmlichen Beispielen wird deutlich, wie nützlich das
Konzept Freier Information für die Menschheit schon in der
Vergangenheit war. Freie Software gibt der Menschheit diese
Information im Software-Bereich zurück und stößt damit die Tür für ein
Modell auf, in der Freie Information (wieder) dem Nutzen aller dient.


\chapter{Gegenwart}





Die geschilderten teilweise sehr alten Phänomene bestehen natürlich
nach wie vor. Beim Nachdenken über eine GPL-Gesellschaft sollten diese
Phänomene genau studiert werden, um ihre genaue Natur zu ergründen.








Doch gibt es auch heute einige Phänomene, die auf eine
GPL-Gesellschaft hindeuten. Es ist klar, daß die heutigen Keimformen
einer solchen GPL-Gesellschaft immer nur in gebrochener Form vorliegen
können - in Reinform sind sie im Kapitalismus prinzipiell nicht
möglich. Es ist jedoch sehr spannend, aktuelle Phänomene auf ihre
Relevanz für eine Entwicklung hin zu einer GPL-Gesellschaft zu
untersuchen. Dabei wird es in der Regel einen Kern einer Keimform
geben, in dem sich die GPL-gesellschaftlichen Aspekte mehr oder
weniger rein entwickelt haben, während im Umfeld um die Keimform
natürlich Anschlüsse an die nach wie vor dominante kapitalistische
Welt existieren müssen. KeineR kann schließlich einfach vollständig
aus der Gesellschaft herausspringen.


\section{Selbstentfaltungsanteile in der Lohnarbeit}





Selbst in kapitalistischer Lohnarbeit kann es Aspekte von
Selbstentfaltung geben{\footnote{Diese Möglichkeit zu leugnen, würde
der kapitalistischen Form eine Totalität zugestehen, die letztlich
auch die hier getroffenen Überlegungen verunmöglichen würde.}}. Es ist
klar, daß die Selbstentfaltung in der Lohnarbeit auf vielfältige Weise
gebrochen ist, da kapitalistisches Verwertungsinteresse zwar gegenüber
der Selbstentfaltung der Agierenden grundsätzlich neutral ist, durch
die vielfältigen Entfremdungseffekte aber die Möglichkeiten für
Selbstentfaltung mehr oder weniger stark eingeschränkt sind. Ein wenig
scheint diese Möglichkeit zu individueller Selbstentfaltung in der
freien Berufswahl durch, die in kapitalistischen
Vergesellschaftungsformen üblich ist.


\subsection{Die FloristIn ist beseelt von ihrer Arbeit}








Ein beliebig rausgegriffener Beruf, ist der der FloristIn. Viele
FloristInnen sind mit Leib und Seele bei ihrer Arbeit. Sie lieben das
Material mit dem sie arbeiten, sie lieben den Umgang damit und sie
lieben die kreativen Möglichkeiten, die ihnen ihr Beruf gibt. Diese
Möglichkeiten hat sie auch in einem auf Verwertung ausgerichteten
Betrieb.











Aber auch die Pflegeberufe bieten für viele Menschen Möglichkeiten
sich über Hilfe für andere selbst zu entfalten.{\footnote{Leider
bilden gerade die Pflegeberufe einen Bereich, in dem der
Ausbeutungsgrad enorm ist. Es wäre interessant zu klären, ob hier
Zusammenhänge mit dem Selbstentfaltungsaspekt bestehen.}}


\subsection{KassiererIn ist genervt von der Maloche}








Im Gegensatz zu den genannten Berufen ist die KassiererIn genervt von
der täglichen Maloche. Sie geht einer völlig entfremdeten,
anstrengenden und noch dazu stupiden Arbeit nach. In dieser Tätigkeit
ist praktisch kein Spielraum vorhanden um sich zu entfalten, sondern
es zählt alleine der Tauschwert der Arbeit.





Während die vorgenannten Berufsgruppen relativ leicht in eine
GPL-gesellschaftliche Form gebracht werden könnten, ist der Beruf der
KassiererIn nicht anzupassen. Solche Berufe sind im Interesse einer
GPL-Gesellschaft entweder durch Maschinen zu ersetzen oder ganz
überflüssig zu machen. Da in einer geldlosen GPL-Gesellschaft das
Kassieren von Geld ohnehin zu einer aussterbenden Kunst gehören würde,
wäre das Problem für den Beruf der KassiererIn leicht zu lösen.


\subsection{InformatikerInnen können sich partiell selbstentfalten}





IngenieurInnen im Allgemeinen und InformatikerInnen im Besonderen
haben teilweise erhebliche Möglichkeiten zur Selbstentfaltung in ihrem
Beruf. Sie sind beseelt von ihrer Aufgabe und empfinden das was sie
tun oft genug als eine persönliche Herausforderung. Klassische
gewerkschaftliche Herangehensweise scheitert an MitarbeiterInnen, die
freiwillig und ohne Aufforderung Mehrarbeit auch am Wochenende
leisten, die zu allem Überfluß oft genug unbezahlt ist.








InformatikerInnen verfügen in ihrer Tätigkeit über erhebliche
Freiräume und können ihre kreativen Potenzen vielfältig einbringen.
Ihre exklusive Kompetenz auf weiten Gebieten ihres Arbeitsfelds
verschafft ihnen einerseits nennenswerten Einfluß, andererseits wird
es aber auch als eine Herausforderung an die eigene Verantwortlichkeit
verstanden.


\subsection{Moderne Management-Ideologien wollen Selbsttätigkeit fördern}


Nicht zuletzt entdecken auch UnternehmerInnen das Potential von
Selbstentfaltung als neue Quelle von Mehrwertproduktion. Es ist auch
den Managern klar, daß Menschen, die gerne arbeiten, auch besser
arbeiten. Während dieser Aspekt der Mehrwertschöpfung unter
fordistischen Produktionsverhältnissen weitgehend vernachlässigbar
war, müssen alleine aufgrund der oft kreativen Arbeitsinhalte neue
Formen gefunden werden: Während einem Menschen mit gewisser
Effektivität befohlen werden kann, den ganzen Tag eine bestimmte
Handbewegung zu machen, ist es nicht effektiv möglich, Menschen zu
befehlen, kreativ zu sein.


Zahllose neue Management-Ideologien versuchen, dieses
Selbstentfaltungspotential zu aktivieren. Es muß aber klar sein, daß
dies wegen der grundsätzlichen Entfremdung kapitalistischer Arbeit nur
in Grenzen gelingen kann. Der positive Effekt für die MitarbeiterInnen
ist aber auch heute schon da und wird der einen oder anderen
MitarbeiterIn das Leben schon heute leichter machen.


\subsection{Gruppenarbeit in kapitalistischen Betrieben}





Auch die Gruppenarbeit, die eine Zeit lang in einigen Betrieben
eingeführt wurde, versucht Entfremdung zurückzunehmen. Menschen werden
ganzheitlicher gefordert und arbeiten an größeren
Produktionsabschnitten eines bestimmten Produktes als in der
tayloristischen Organisationsweise von Produktion.











Diese Gruppenarbeitsmodelle können aber nur eingeschränkt
funktionieren, da sie nach wie vor in ein stark entfremdetes Umfeld
eingebettet sind. Einerseits kommen die Vorgaben für die
Arbeitsergebnisse nach wie vor von außen und die Gruppenmitglieder
setzen sich untereinander unter erheblichen sozialen Druck, diesen
äußereren Vorgaben auch zu genügen. Andererseits stehen die einzelnen
Gruppen nach wie vor in Konkurrenz zu anderen Gruppen im gleichen
Betrieb, obwohl eine Kooperation der Gruppen untereinander vermutlich
in vielen Fällen die sinnvollste Organisationsweise wäre.


\subsection*{{\textbf{Fazit: }}Wo Menschen beseelt sind von ihrer Aufgabe, da ist Freiheit}














Es sollte klar geworden sein, daß auch in Lohnarbeitsformen
Möglichkeiten zur Selbstentfaltung liegen. Diese sind aber immer durch
die Entfremdung eingeschränkt. Menschliche Selbstentfaltung kann sich
offenbar auf ungeheuer viele Inhalte beziehen, wie das Beispiel der
KassiererIn aber zeigt, gibt es auch Tätigkeiten deren immanentes
Selbstentfaltungspotential sehr gering ist.


Während in der tayloristischen Produktionsorganisation Menschen zu
Fortsätzen der Maschinen gemacht wurden, käme es in einer
GPL-Gesellschaft darauf an, die Maschinen zu Fortsätzen menschlicher
Selbstentfaltung zu machen.


\section{Wandel im Kapitalismus}


Doch nicht nur in der unmittelbaren Organisation von Lohnarbeit sind
spannende Entwicklungen im real existierenden Kapitalismus zu sehen.
Auch die stoffliche Organisation der Produktion verändert sich in
einer Art und Weise, die auf eine GPL-Gesellschaft hindeuten.


\subsection{Industrieroboter}








Ein mittlerweile säkularer Trend in der materiellen Produktion ist
der Einsatz von Industrierobotern und anderen Produktionsautomaten.
Große Teile materieller Produktion, die noch vor wenigen Jahren durch
den Einsatz menschlicher Arbeitskraft bewältigt wurden, werden heute
von Industrierobotern erledigt. Dabei werden genau die Arbeiten
ersetzt, die nach dem je aktuellen Stand der Technik stupide genug
sind, um von Maschinen ersetzt zu werden.











Gleichzeitig bieten Industrieroboter aber auch einen ungleich höheren
Freiheitsgrad als die Maschinen, die sie ersetzen. Sie sind von
vorneherein als universelle Maschinen konzipiert, die für einen je
konkreten Anwendungsfall nur noch wenig oder gar nicht mehr mechanisch
umgerüstet{\footnote{Zum Vergleich: Noch vor nicht allzu langer Zeit
mußte die gesamte Produktion - z.B. in den Werksferien - stillgelegt
werden, um den Maschinenpark auf eine veränderte Produktion - z.B.
eines neuen Fahrzeugmodells - umzurüsten.}} werden müssen. Die
produktive Kompetenz steckt vielmehr in den Steuerungsprogrammen, mit
denen diese Maschinen gesteuert werden. Hier ist bereits eine
deutliche Verschiebung zu erkennen, wo sich der Schwerpunkt auch der
materiellen Produktion immer weiter auf die Informationsproduktion
verlagert, der die konkrete stoffliche Produktion immer stärker
nachgeordnet ist.





Dieser höhere Freiheitsgrad moderner Industrieroboter hat zwei
Folgen, die für die Fragestellung des Beitrags von großer Bedeutung
sind. Einerseits ermöglicht die hohe produktive Flexibilität eine
ungeahnte Individualisierung der Produktion. Losgröße 1 ist heute kein
fernes Ziel mehr, sondern täglich praktizierte Realität{\footnote{So
ist z.B. in der Automobilproduktion die individuelle Anpaßbarkeit so
stark gestiegen, daß kaum zwei gleiche Autos die Bänder verlassen.}}.


Andererseits erfordern die Industrieroboter die Entwicklung einer
Steuerung, die geeignet ist, die kreativen Anteile eines Menschen zu
entfalten. So wie es Spaß machen kann, programmierend die ungeheuren
Möglichkeiten eines Computers zu erforschen, genauso kann es Spaß
machen, einen Industrieroboter für eine konkrete Aufgabe zu
programmieren. Das Selbstentfaltungspotential der Tätigen steigt also
durch den Einsatz modernster Produktionsautomaten an.











Menschen werden durch den zunehmenden Einsatz von Industrierobotern,
von Automation allgemein immer mehr aus Teilen der Produktion
verdrängt. Was sich wegen der starren Kopplung von Lohnarbeit an
Einkommen{\footnote{Eigentlich ist nicht die Kopplung von Einkommen
und Lohnarbeit das Problem. Dies ist nur das Oberflächenphänomen. Das
tiefliegende Problem im Rahmen des Kapitalismus ist, daß nur
menschliche Arbeitskraft Mehrwert schafft und diese menschliche
Arbeitskraft u.a. wegen der hohen Produktivität immer weniger
eingesetzt werden kann.}} im Kapitalismus als Katastrophe erweist,
wäre in der GPL-Gesellschaft ein Segen. Dort könnte sich das
beFreiende Potential dieser Produktivitätssteigerung voll zugunsten
der Menschen auswirken, die so von Notwendigkeiten beFreit würden.


\subsection{Fabber als Universalmaterialisator}








Doch neben Industrierobotern und anderen Produktionsautomaten werden
immer mehr Maschinen entwickelt, die noch universeller sind.
Sogenannte {\textit{Fabber}} sind Maschinen, die aus einer amorphen
Masse datengesteuert und ohne äußere Eingriffe dreidimensionale
Werkstücke produzieren. Mit unterschiedlichen Methoden{\footnote{Die
schon seit vielen Jahren eingesetzten CNC-Maschinen werden als ein
bestimmter Typ von Fabber betrachtet. CNC-Maschinen arbeiten im
Gegensatz zu den hier erwähnten Maschinen mit einem
material-abhebenden Verfahren. Neben den aufbauenden und abhebenden
werden noch verformende Verfahren unterschieden. Allen gemeinsam ist
aber, daß sie datengetrieben und ohne Eingriffe von außen ablaufen.}}
wie z.B. einem Laserstrahl werden bestimmte Pulver oder Flüssigkeiten
zu festen Materialien aufgebaut, die direkt verwendet oder mit Hilfe
geeigneter technischer Verfahren in für den je konkreten Einsatzzweck
angemessene Materialien transformiert werden können. Hier ist der Weg
aus dem CAD-Programm in ein dreidimensionales Werkstück so kurz, daß
von Universalmaterialisatoren gesprochen werden kann.











Solche Maschinen, die den Schwerpunkt des materiellen
Produktionsprozesses noch ein erhebliches Stück weiter in die Welt der
Information verlegen, sind bereits im Kapitalismus offensichtlich eine
nützliche Sache{\footnote{Insbesondere im Modellbau können Fabber
schon breit eingesetzt werden. Darüberhinaus werden sie für die
Produktion von Kunststoffteilen für Prototypen eingesetzt.}}. In einer
GPL-Gesellschaft könnten sie die Grundlage der gesamten materiellen
Produktion{\footnote{Vgl. Überlegungen, {\textit{Fabber unmittelbar in
der Produktion}} einzusetzen.}} bieten. Wenige verschiedene, dafür
aber sehr universelle, hochflexible und datengesteuerte Maschinen
spiegeln in vielerlei Hinsicht die Eigenschaften von Computern.








Besonders spannend ist, daß sogar eine {\textit{Firma}}, die solche
Fabber herstellt, dieses {\textit{revolutionäre Potential}} sieht. Die
Parallelen zu Freier Software sind nun mal auch frappierend.
Folgerichtig bildet sich eine {\textit{Community}} von NutzerInnen,
die die produktive Information für solche Fabber ähnlich wie Freie
Software entwickeln. Dieser Prozeß wird durch ein überschaubares
Schnittstellenformat erheblich unterstützt.


Solch eine Community bildet einen Vorschein von ähnlichen Communities
in einer GPL-Gesellschaft, die in einem Prozeß ähnlich der Entwicklung
Freier Software Information erzeugen, die die materielle Produktion
steuert. Die konkrete materielle Produktion selbst könnte dann ähnlich
dem Einsatz Freier Software bei den je konkreten NutzerInnen vor Ort
erfolgen. Wenige, universelle und datengesteuerte Maschinen könnten in
lokalen oder regionalen Maschinenparks zusammengefaßt werden, an denen
sich die NutzerInnen mit Hilfe von Produktions-Software aus dem
Internet ihren je konkreten Bedarf an materiellen Gütern decken
könnten.


\subsection{Uniformierte Individualität vs. individualisierte Massenproduktion}





Die stark durch tayloristische Konzepte geprägten Produktivkräfte,
die im Kapitalismus{\footnote{Analoges gilt übrigens für den
sogenannten Realsozialismus, in dem die tayloristische Organisation
der Produktion teilweise noch durchgreifender vorgenommen wurde als im
Kapitalismus.}} bisher wirksam waren, haben immerhin eine
Massenproduktion ermöglicht, mit der mindestens in den
hochindustrialisierten Zentren breite Bevölkerungsmassen mit Waren
versorgt werden konnten, die das Leben verbesserten. Allerdings war
mit den bisherigen Produktivkräften lediglich eine uniformierte
Individualität möglich: Jedes Individuum konnte zwar über eine
individuelle Warenmenge verfügen, die Waren selbst waren aber
weitgehend uniform und nicht an das konkrete Individuum angepaßt. Der
klassisch gewordene Ausspruch des frühen tayloristischen Unternehmers
Henry Ford, daß jedeR jede Autofarbe haben könne solange es Schwarz
sei, illustriert diesen Umstand recht gut.


Dieses Prinzip der uniformierten Individualität schlägt sich nicht
nur in der materiellen Warenwelt nieder, sondern auch viele
Dienstleistungen oder Medienangebote sind stark uniformiert - es wäre
z.B. an den uniformierten Massentourismus oder große Massenmedien wie
Fernsehen zu denken.














Diese Produktionsweise wird bereits im Kapitalismus zunehmend durch
eine individualisierte Massenproduktion abgelöst. Waren die Ergebnisse
klassischer industrieller Produktivkräfte durch eine starke
Standardisierung gekennzeichnet, so entwickelt sich heute bei vielen
Produkten eine immer stärkere Individualisierung. Wer heute z.B. ein
Auto oder eine Einbauküche kaufen möchte, hat zahllose Möglichkeiten,
sich das gewünschte Produkt vielfältig zu konfigurieren.














Auch hier spiegelt sich die Entwicklung der Maschinen wider. Während
tayloristische Maschinen nur standardisierte Produkte zuließen, sind
die heute verfügbaren, hochflexible Maschinen in der Lage, jedes
Produkt individuell zu gestalten. Die Flexibilität wird durch eine
Software-Steuerung erreicht, so daß wir auch auf dieser Ebene sehen
können, wie der Schwerpunkt der materiellen Produktion zunehmend in
die Informationsproduktion wandert.





Die zunehmende Informatisierung der materiellen Produktion bis hin zu
den NutzerInnen läßt sich auch als Vorschein einer direkt von den
NutzerInnen gesteuerten Produktion an sich erkennen. Es gehört nur
noch wenig Phantasie zu der Vorstellung, daß die Entwürfe, die mit
Hilfe einer Web-Site gemacht werden, direkt die Produktionsmaschinen
steuern, die das gewählte Design dann tatsächlich herstellen.
Technisch wäre so etwas vermutlich sogar schon heute möglich.





Zusätzlich begünstigen die so möglichen individualisierten Produkte
die individuelle Selbstentfaltung, so daß auch hier ein Trend Richtung
GPL-Gesellschaft sichtbar wird.


\subsection{Business-to-Business rationalisiert Logistik}














Auch im Bereich der Logistik machen uns die Unternehmen immer mehr
vor, wie eine Internet-gestützte Organisation eines Waren- bzw.
Güterflusses aussehen kann. Zwar pressen die heutigen Versuche von
B2B-Commerce den stofflichen Güterfluß noch durch die Geldform, es
wird jedoch sichtbar, wie eine globale Kooperation verschiedener
GüterproduzentInnen auch jenseits der Geldform mit Hilfe modernster
Technik effizient organisiert werden kann.


\subsection{Globale Kooperation häuft sich}


Auch auf dem Feld der globalen Kooperation entwickeln sich in den
letzten Jahren interessante Phänomene. Kooperationen zwischen Firmen,
die eigentlich konkurrieren häufen sich immer mehr. Auch die
Übernahmen können als globale Kooperationen interpretiert werden.


Die im Kapitalismus notwendige Konkurrenz wird durch solche
Übernahmen und Kooperationen zunehmend ausgehebelt. Was im
Kapitalismus allerdings als eine negative Entwicklung gesehen werden
muß, kann in einer GPL-Gesellschaft eigentlich nur als positiver
Faktor gesehen werden. Wie bei Freier Software werden nicht mehr
unnötig Ressourcen durch Parallelentwicklungen und Betriebsgeheimnisse
verschwendet. Vielmehr kooperieren alle Interessierten beim Erreichen
des bestmöglichen Ziels.


\subsection*{{\textbf{Fazit: }}Technische Entwicklung begünstigt GPL-Gesellschaft}








Zusammenfassend begünstigt die technische Entwicklung, die bereits im
Kapitalismus stattfindet genau das, was wir in einer GPL-Gesellschaft
brauchen. Notwendigkeiten werden zunehmend auf kreatives Schaffen
verlagert. Während der Einsatz von Muskelkraft schon lange out ist,
wird das Dasein als stupider Maschinenfortsatz immer mehr obsolet.











Die standardisierte Massenproduktion der tayloristischen Phase wird
ein historisches Übergangsphänomen sein und durch die
individualisierte Massenproduktion abgelöst werden. Die so
entstehenden Produkte begünstigen die Selbstentfaltung nicht nur in
der Produktion sondern auch bei der Nutzung der Güter. Die globale
Kooperation, die uns multi-nationale Konzerne ebenso vormachen wie die
Freie-Software-Entwicklung, bilden einen Vorschein einer globalen
Kooperation im Rahmen einer GPL-Gesellschaft.


\section{Freie Software und mehr}


\subsection{Freie Software macht vor wie's geht}








Im Mittelpunkt des Oekonux-Diskurses steht aber die Freie Software,
die von einigen auf vielfältige Weise als prototypische
Produktionsweise einer GPL-Gesellschaft betrachtet wird. Es wird
postuliert, daß es sich um eine {\textit{Keimform}} einer neuen
Gesellschaft handelt, die sich in der alten und über sie hinaus
entwickelt. Die für diesen Diskurs wichtigsten
Aspekte{\footnote{Selbst nach längerer Beschäftigung mit dem Phänomen
Freie Software verblüfft es, immer wieder neue Aspekte zu entdecken.}}
Freier Software seien hier aufgezählt.


\subsubsection*{Individuelle und kollektive Selbstentfaltung}








Der Aspekt der individuellen Selbstentfaltung, der in diesem Beitrag
schon mehrfach im Mittelpunkt stand, ist bei der
Entwicklung{\footnote{Dies muß eingeschränkt werden auf
nicht-kommerziell produzierte Freie Software, deren EntwicklerInnen
also nicht bezahlt werden. Freie Software, die in Lohnarbeit
entwickelt wird, unterliegt wegen der prinzipiellen Entfremdung der
Lohnarbeit nur bedingt dem Selbstentfaltungsaspekt.}} Freier Software
eines der wichtigsten. Daß Programmieren einfach Spaß macht, ist dabei
einer der wichtigsten Motive für die Entwicklung Freier Software.
Daneben bildet die konkrete Nützlichkeit der Software für ganz
konkrete Personen eine wichtige Motivation. Auch diese Beseitigung von
Notwendigkeit kann als ein Aspekt von Selbstentfaltung gesehen werden.
Die genauen Gründe, die zur Produktion Freier Software führen, sind
aber so vielfältig wie die EntwicklerInnen.





Programmieren ist aber nicht die einzige Form, sich für Freie
Software zu engagieren. In einem Software-Projekt fallen vielfältige
Aufgaben an. So ist z.B. die Maintenance eines Projekts eine wichtige
Aufgabe. Dies umfaßt nicht nur technische Aspekte wie z.B. die
Entscheidung über die Aufnahme bestimmter Features, sondern auch
soziale Fähigkeiten, mit deren Hilfe einer EntwicklerInnengruppe bei
ihrer Tätigkeit geholfen werden kann. Auch die Gestaltung einer
Web-Site für ein Projekt oder das Schreiben brauchbarer Dokumentation
ist eine wichtige Aufgabe.


Hier wird vorgemacht, wie sich die individuelle Selbstentfaltung
Einzelner zu nützlichem Tun für die gesamte Menschheit verbindet und
so aus der individuellen Selbstentfaltung eine kollektive
Selbstentfaltung wird.


\subsubsection*{Selbstorganisation}








Die EntwicklerInnen Freier Software organisieren sich vollständig
selbst. KeineR sagt ihnen wie sie vorzugehen, was sie zu tun oder zu
lassen haben. Dabei entwickeln sich vielfältige Modelle, die vom
"wohlmeinenden Diktator" bis hin zu demokratischen Modellen mit
rotierender MaintainerInnenschaft führt. Den meisten Projekte dürfte
aber gemein sein, daß sie auf einer Basis von "rough consensus and
running code" funktionieren.





Es ist spannend zu beobachten, wie sich ohne ideologische
Modelle{\footnote{Es sei hier abgesehen von den ideologischen
Modellen, die alle Menschen qua ihrer Sozialisation in ihren Köpfen
haben. Es wäre allerdings interessant zu untersuchen, ob
EntwicklerInnen verschiedener Kulturkreise signifikant zu
verschiedenen Modellen neigen.}} vielfältige funktionierende
Steuerungsmodelle entwickeln.


\subsubsection*{Globale Kooperation}





Freie Software wird in der Regel von Menschen entwickelt, die über
den ganzen Globus verstreut sind. Nicht selten kriegen sich diese
Menschen niemals zu Gesicht, sondern kennen sich ausschließlich aus
eMail, Newsgroups oder Chats. Über kulturelle Schranken hinweg klappt
die gemeinsame Tätigkeit verblüffend gut.





Hier wird vorgemacht, wie sich global verstreut lebende Menschen, die
sich für ein gemeinsames Thema interessieren, mittels der
Kommunikation über das Internet gemeinsam nützliche Dinge tun können.
Diese Möglichkeit der einfachen Bildung von Gruppen Gleichgesinnter
ist historisch neu und ihre Effekte lassen sich auch auf anderen
Feldern{\footnote{Politisch Interessierte aller Art sind z.B. eine
Gruppe von Menschen, die im Internet ungleich viel leichter auf
Gleichgesinnte treffen, als ihnen das in der weniger virtuellen Welt
gelingen kann. Auch internationale Kontakte sind an der Tagesordnung.
Doch auch HobbyistInnen jeglicher Couleur suchen und finden sich im
Internet.}} leicht feststellen.


\subsubsection*{Unterläuft Tauschsystem}











Viele, die Freie Software benutzen, haben nichts zu ihrer Entstehung
beigetragen und auch nichts für die eigentliche Software bezahlt -
dennoch können sie alles nutzen, was sie möchten. Das Produkt Freie
Software wird auch nicht getauscht; vielmehr kann Freie Software von
allen genommen{\footnote{Daß dies so einfach ist, ist auch eine Folge
der breit verfügbaren digitalen Kopierbarkeit, die durch Computer und
Internet gegeben ist.}} und benutzt werden, die sie
brauchen{\footnote{Die einzige Einschränkung, die die GPL potentiellen
NutzerInnen auferlegt, ist, daß wenn sie veränderte oder originale
Versionen der Software weitergeben, daß sie dann ebenfalls die Quellen
mitliefern müssen.}}. Freie Software unterläuft das im Kapitalismus
überall anzutreffende Prinzip des Tausches einfach dadurch, daß sie
nicht getauscht zu werden braucht.





Hier wird vorgemacht, wie eine Güterproduktion jenseits von
Tauschprinzipien aussehen kann. Nicht der Tausch gegen Geld, nicht die
Knappheit sind Motive für nützliche Tätigkeit. Im Gegenteil kann die
Entfremdung, die mit Geld immer einher geht, die Entwicklung sogar
negativ beeinflussen, da nicht mehr die Qualität der Software sondern
äußere Aspekte wie Markterfolg im Vordergrund stehen.


\subsection{Findet Nachahmung auf anderen Gebieten}


Freie Software und deren aus kapitalistischer Perspektive völlig
unverständlichen Produktionsweise findet auf anderen Gebieten
Nachahmung. Immer mehr Menschen überlegen, ob sie die Prinzipien der
Entwicklung Freier Software nicht auf ihr Fachgebiet übertragen
können.








Besonders einfach ist dies im Bereich der digitalisierbaren
Informationsgüter, da diese wegen der digitalen Kopierbarkeit ganz
ähnlichen einfachen Reproduktionsmöglichkeiten unterliegen wie
Software. Da die kollektive Entwicklung von Informationsgüter ganz
allgemein günstiger zu sein scheint, als die konkurrierende
Entwicklung isolierter Einzelner, können diese Informationsgüter von
den gleichen methodischen Vorteilen profitieren wie Freie Software. Es
gibt bereits einige Projekte{\footnote{Eine von Zeit zu Zeit
aktualisierte Liste findet sich unter
\verb!http://www.oekonux.de/projekt/links.html!.}}, die solcherlei
versuchen.








Und sogar für materielle Güter gibt es bereits ein paar
Projekte{\footnote{Auch diese Projekte finden sich unter
\verb!http://www.oekonux.de/projekt/links.html!.}}, die die Prinzipien
der Entwicklung Freier Software übertragen wollen. Dabei werden im
allgemeinen die Baupläne und andere Entwürfe Frei entwickelt. Die
Freien Güter selbst werden zwar noch kommerziell hergestellt, aber
immerhin haben diese Güter einen Freien Anteil. Mit Blick auf eine
GPL-Gesellschaft könnte es eine Strategie sein, diesen Freien Anteil
nach und nach immer größer zu machen, um letztlich den kommerziellen
Anteil ganz verschwinden zu lassen.





Der Geist, der sich in Freier Software in besonders fortgeschrittener
und erfolgreicher Form niederschlägt, breitet sich also aus.
Vielleicht ist diese Begeisterungsfaktor Freier Software überhaupt das
Wichtigste am Ganzen.


\subsection{NGOs haben ebenfalls keimförmige Anteile}





Doch auch auf einem ganz anderen Gebiet gibt es ein Phänomen, das
keimförmige Anteile ähnlich Freier Software hat: Die NGOs
(Non-governmental organizations, Nichtregierungsorganisationen).
Greenpeace, amnesty international aber auch zahllose kleinere NGOs
basieren zumindest an der Basis auf der Selbstentfaltung ihrer
Mitglieder, die es aus rein persönlichen Motiven für notwendig halten,
auf diese Weise in Politik einzugreifen. Selbstentfaltung in der
Kooperation mit einer Gemeinschaft spielt hier eine ebenso große Rolle
wie die persönlich empfundene Notwendigkeit sich an den jeweils
bearbeiten Themen nützlich zu machen.








Auch die Selbstorganisation und die globale Kooperation, die wir bei
Freier Software sehen können, ist bei NGOs an der
Tagesordnung{\footnote{Entwicklungen hin zu einer straffen,
hierarchischen Führung der Organisation, wie sie insbesondere bei
Greenpeace zu beobachten sind, sollen hier nicht verschwiegen werden.
Allerdings würde ich dies für Fehlentwicklungen halten. Ähnliches gilt
für die immer stärkere Einbindung der NGOs in die Planung der
Herrschenden.}}.








Allerdings finden NGOs nicht in der Produktionssphäre statt, sondern
ihr Feld sind klassisch rein politische Themen. Jedoch ist es schon
bemerkenswert, daß sich Freie Software und NGOs historisch nahezu
zeitgleich entwickelt haben und zumindest teilweise ähnlichen
Prinzipien folgen.


\subsection*{{\textbf{Fazit: }}Freie Software ist die entwickelte Keimform der GPL-Gesellschaft}














Freie Software scheint somit die entwickelte Keimform der
GPL-Gesellschaft zu sein. Sie hat nicht nur auf ihrem Feld Erfolg,
sondern die Ideen strahlen zunehmend auf andere Bereiche aus. Die
Keimform ist auf der Höhe der technischen Entwicklung und hat gute
Chancen zur dominanten Form zu werden.


\section{Self-Empowerment schon heute}














Neben der Produktionsseite einer Gesellschaft gibt es natürlich auch
noch den Bereich der Konsumtion. Auch in diesem Bereich können wir
bereits einige interessante Veränderungen beobachten, die einerseits
den KonsumentInnen mehr Möglichkeiten, mehr Freiheit geben und
andererseits notwendige Tätigkeiten von den ProduzentInnen weg auf die
KonsumentInnen bzw. NutzerInnen verlagern. Es zeichnet sich in vielen
Bereichen ein immer stärkeres Zusammenwachsen von Produktion und
Konsumtion ab.{\footnote{Möglicherweise ist die Rede von den
getrennten Sphären Produktion und Konsumtion ohnehin vor allem der
kapitalistischen gesellschaftlichen Form geschuldet und vielleicht
verliert diese Trennung in einer GPL-Gesellschaft ihren Sinn.}}


Einige Beispiele dieser Form von Self-Empowerment mögen illustrieren,
was gemeint ist.


\subsection{Fahrplanauskunft der Bahn im Internet}





Die Fahrplanauskunft der Bahn im Internet ermöglicht Reisenden eine
nie gekannte Individualität. War es vorher am Schalter oder über
Telefon schon mühselig, die konkrete, je eigene Bedürfnislage den
teilweise durchaus hilfsbereiten Bahnbediensteten klar zu machen, so
kam angesichts der Warteschlange im Rücken gar nicht der Gedanke auf,
evt. nach einer Alternativverbindung zu fragen - oder nach zwei oder
fünf...





Im Internet sind heute solche Anfragen{\footnote{Interessanterweise
wurde ein ähnlicher Service über eMail zunächst von dem privaten
Enthusiasten Frederik Ramm unter Mithilfe der Uni Karlsruhe
realisiert. Es wurde damals die offizielle Bahn-CD für die Anfrage
benutzt. Mit einigen Software-Tricks wurden die Ergebnisse der Anfrage
dann in eine Mail gesteckt und der Anfragenden zugesandt. Die Bahn hat
dann über die Herstellerfirma der Fahrplan-CD diesen Service
irgendwann ins Web übernommen.}} mit wenigen Maus-Klicks auch von
LaiInnen zu erledigen. Ja mittlerweile können sogar die Fahrkarten
paßgenau für die gewählte Verbindung über's Internet bestellt werden,
so daß der Gang zum Schalter heute vollends überflüssig wird.








Natürlich werden hier tendenziell Arbeitsplätze wegrationalisiert. Im
Kapitalismus ist das natürlich weniger gut, in einer GPL-Gesellschaft
wäre das aber hocherwünscht.


\subsection{Wichtige Produktionsmittel sind schon breit verteilt}





Um selbst nützlich zu werden, ist es nötig, geeignete Mittel zur
Verfügung zu haben. Diese Mittel umfassen einerseits geeignete
Werkzeuge und andererseits das Know-How um mit diesen Werkzeugen
geeignet umzugehen. Mit Computern und dem Wissen über den Umgang mit
ihnen ist heute ein sehr mächtiges, flexibles und universelles Mittel
breit verfügbar.


\subsubsection*{Computer als digitale Universalkopierer}








Die Eigenschaft von Computern als Universalkopierer für digitale
Daten dienen zu können, macht sie zur universellen
Reproduktionsmaschine für solche Daten. Dabei ist das nahe und ferne
Kopieren digitaler Daten mittlerweile durch einen
Mausklick{\footnote{Mensch muß sich vor Augen halten, daß das
Anklicken eines Links in einem Web-Browser unter Umständen erhebliche
Kopieraktionen vom entfernten über zahlreiche Zwischenstationen bis
auf den lokalen Rechner zur Folge hat.}} zu erledigen und somit für
weite Bevölkerungskreise verfügbar.


\subsubsection*{Textverarbeitung, Bildbearbeitung, Programmiersprachen, ...}








Mit der Verbreitung von Computern verbreiten sich vielfältige
Applikationen, die die Herstellung von Texten, Bildern, Musik, Filmen,
Programmen, Datenbanken, Web-Seiten - kurz: aller möglichen Formen
digitalisierter Daten erlauben. Auch diese Programme sind mittlerweile
vielfach so einfach zu bedienen, daß viele Menschen mit ihnen
produktiv arbeiten können{\footnote{Es sei allerdings angemerkt, daß
auch die virtuoseste Beherrschung einer Textverarbeitung noch keine
guten Texte garantiert. Aber immerhin ist das Ergebnis dann hübsch
formatiert ;-) .}}.


\subsubsection*{Freie Software begünstigt Self-Empowerment}


Freie Software spielt auch auf diesem Gebiet noch eine ganz besondere
Rolle, da Freie Software in viel höherem Maße das Self-Empowerment der
NutzerInnen fördert.





Während bei proprietärer Software die Herstellerfirma ein Interesse
daran hat, daß die KundInnen so wenig wie möglich selbst machen kann -
schließlich kann die Herstellerfirma an jedem Problem
verdienen{\footnote{So sind Fälle bekannt geworden, in denen die
Herstellerfirma einer bestimmten Software ihren KundInnen
handelsübliche Disketten nach einer normalen Formatierung für teures
Geld als notwendige Zusatzprodukte verkauft hat.}} -, ist bei Freier
Software genau das Umgekehrte der Fall: EinE FreieR
Software-EntwicklerIn hat überhaupt kein Interesse daran, daß ihr
Programm schwierig zu bedienen oder voller Fehler ist - das führt
nämlich nur dazu, daß sie sich tendenziell mit den Problemen der
NutzerInnen rumschlagen muß anstatt spannendere Dinge wie die
Programmierung neuer Features anzugehen. Die NutzerIn Freier Software
hat also gute Chancen ein Mittel zu bekommen, das ihr ein Maximum an
Möglichkeiten mit einem Minimum an Aufwand gibt.











Freie Software animiert aber auch zur Selbsttätigkeit und ermöglicht
sie gleichzeitig durch eine oft reichhaltige und einfach zugängliche
Dokumentation. Bei Freier Software und insbesondere bei
GNU/Linux{\footnote{Die Konfigurierbarkeit ist in der Tat zum Teil
auch eine Erbschaft von Unix: Es gibt kaum eine größere Spielwiese als
ein gut ausgestattetes Unix-System ;-) .}} ist es bei sehr vielen
Programmen möglich, sie mittels Konfiguration an die je konkreten
Bedürfnisse anzupassen. Die NutzerIn Freier Software ist also nicht
gezwungen, jede Entscheidung der EntwicklerIn einfach zu übernehmen,
sondern kann sich eine Arbeitsumgebung schaffen, die maximal an ihre
Bedürfnisse angepaßt ist. Das Optimum besteht darin, wenn ein Stück
Software mit einer brauchbaren Basis-Konfiguration ausgeliefert wird,
die aber von der NutzerIn bei Bedarf gezielt verändert{\footnote{Daß
solche Eingriffe ein Minimum an Know-How erfordern, ist nicht ein
übles Problem, daß aus der Welt geschafft werden könnte, sondern es
handelt sich um eine Eigenschaft von Freiheit schlechthin: Nur wer
über ein gewisses Wissen verfügt, hat viele Möglichkeiten, die sie
dann nach freier Entscheidung nutzen kann.}} werden kann.


\subsection*{{\textbf{Fazit: }}Self-Empowerment wird durch technische Entwicklung begünstigt}








Wir können also heute schon sehen, wie die technische Entwicklung das
Self-Empowerment der Menschen begünstigt. Einerseits werden
komplizierte Zusammenhänge durch geeignete Software auf verstehbare
Einheiten heruntergebrochen. Andererseits wird die Selbsttätigkeit der
Individuen insbesondere durch Freie Software gefördert. Beide Aspekte
vergrößern die Handlungsmöglichkeiten eines Menschen und damit seine
Freiheit.


\section{Oekonux}


Ein gegenwärtiges Phänomen, das auch als Beispiel für andere, ähnlich
gelagerte Phänomene steht, ist das {\textit{Projekt Oekonux}} selbst.
In diesem Projekt finden sich einige Ähnlichkeiten zu den Prozessen
bei der Entwicklung Freier Software.


\subsection{Mailing-Listen als zentrale Medien}








Das Projekt Oekonux ist von vorneherein ein vollständig
virtuelles{\footnote{Ganz am Anfang stand ein BOF-Treffen am Rande der
{\textit{1. Wizards-of-OS-Konferenz}} im Sommer 1999. Die
eMail-Adressen der knapp 20 dort Versammelten bildeten den Grundstock
der Mailing-Liste.}} Projekt gewesen. Wie die EntwicklerInnen Freier
Software kannten und kennen sich die meisten Beteiligten nur über
eMail.





Erst in jüngerer Zeit gibt es erste Rückbindungen an die weniger
virtuelle Welt. Insbesondere auf der {\textit{1. Oekonux-Konferenz}}
(Ende April 2001) trafen sich viele Oekonux-Fans und -Interessierte
zum ersten Mal, um an einem spannenden Konferenzprogramm teilzunehmen.


\subsection{Wir finden für uns angemessene Organisationsformen}


Die Organisation des Projekts ist so selbstorganisiert, wie sich das
auch in Freier Software findet. Es gibt kein Modell, dem alle
nacheifern, sondern die Dinge finden sich. Wie überall tragen wenige
viel, einige weniger und viele nichts aktiv bei. Aber wo ist das
Problem? Die Aktiven sind aktiv, weil das für je sie richtig ist
während es für die Passiveren je richtig ist, sich nur lesend - und
denkend - zu beteiligen.





Seit einiger Zeit wurde die {\textit{inhaltliche Diskussion}} durch
eine {\textit{eigene Mailing-Liste}} von der Organisation des Projekts
getrennt. Im Vorfeld der Konferenz wurden kurzfristig zwei zusätzliche
Mailing-Listen eingerichtet, auf der die {\textit{Beitragenden}} und
die {\textit{Vor-Ort-HelferInnen}} sich organisiert haben.








Natürlich läuft die Organisation des Projekt nicht konfliktfrei - das
wäre auch eher verdächtig. Es gibt aber ein ständiges Bemühen, auch in
schwierigen Situationen einen Konsens zu finden.


\subsection{Transparenz}





Alle Mailing-Listen des Projekts werden auf den Web-Sites archiviert
und sind somit jederzeit für alle zugänglich. Damit wird auch für
Neulinge eine maximale Transparenz erreicht.


\subsection{Produktive Atmosphäre}





Die inhaltliche Diskussion zeichnet sich durch ein gemeinsames
Erkenntnisinteresse aus. Im Gegensatz zu vielen, vielen anderen
Mailing-Listen ist der Umgangston auf der Liste i.d.R. angenehm und
respektvoll. Oft ist das Ringen um ein gemeinsames Verständnis gepaart
mit der Entwicklung neuer Ideen und auch Denkweisen.








Die so entstehende produktive Atmosphäre liegt im Interesse aller, da
nur in einer solchen Atmosphäre der Erkenntnisfortschritt, die
Entwicklung neuer, weiterführender Gedanken bestmöglich gedeihen kann.
Nur wenn die Kultur eines sozialen Raums einladend ist, sind Menschen
frei, sich auch auf vielleicht dünnes Eis vorzuwagen, um gemeinsam mit
anderen seine Tragfähigkeit{\footnote{Kein Vergleich mit so vielen
politischen Mailing-Listen, in denen ungewöhnliche Gedanken von den
Platzhirschbullen und -kühen sofort abgekanzelt werden. In solcher
Atmosphäre kann kein weiterführender Gedanke entstehen, sondern nur
das Altbekannte immer nur wiedergekäut werden. Aus den Schützengräben
der SchlammschlachtenschlägerInnen steigt keine Freiheit, sondern nur
das ewig Gleiche.}} zu prüfen.


\subsection{Breite Vielfalt der Meinungen}





Die Liste zeichnet sich durch eine breite Vielfalt von Meinungen aus.
Menschen mit allen möglichen Hintergründen - von technisch bis
politisch - werden durch ein gemeinsames Interesse an einer für je sie
spannenden Diskussion zum Thema des Projekts zusammengebracht. Die
Unterschiede in Weltbildern und Zugängen sind dabei nicht Hindernis,
sondern gerade kontroverse Auseinander- und auch wieder
Zusammensetzungen sind oft am produktivsten. Der narrative Prozeß der
Liste lebt geradezu von Meinungsverschiedenheiten und dem gemeinsamen
Ringen um ein neues Verständnis von Welt.


\subsection{Individuelle Menschen begegnen sich}











So unterschiedlich wie die Meinungen sind die Menschen, die diese
Meinungen haben. Es sind waschechte Individuen mit je eigenen Stärken
und Schwächen, die sich im Projekt begegnen, von denen keiner einfach
so ersetzbar ist.


\subsection{Individuelle Entfaltung ist Voraussetzung für die Entfaltung aller}











Wie in der Freien Software ist im Projekt Oekonux die individuelle
Entfaltung jeder Einzelnen die Voraussetzung für die Entfaltung aller.
Die verblüffenden und hochqualitativen Ergebnisse, die das Projekt in
den rund zwei Jahren seiner bisherigen Existenz bereits erreicht hat,
sind eben nur in einem Prozeß zu erreichen, der die Charakteristiken
der Entwicklung Freier Software hat. Und es muß den Beteiligten etwas
bringen, sonst würden sie sich den nicht nur hohen, sondern auch
ausgesprochen gehaltvollen Traffic{\footnote{Erfahrungen mit anderen
Mailing-Listen zeigen, daß Leute sich von einer Mailing-Liste
abmelden, wenn der Traffic und/oder der Rauschanteil zu hoch wird. Wie
die {\textit{Statistiken}} zeigen ist bei Oekonux jedoch eine mehr
oder weniger lineare Steigerung der Anzahl der SubskribentInnen zu
verzeichnen.}}, der in der Liste an der Tagesordnung ist, nicht
zumuten.


\subsection*{{\textbf{Fazit: }}Oekonux ist vielleicht selbst schon ein Stückchen GPL-Gesellschaft}





Vielleicht ist es wirklich nicht vermessen zu sagen, daß das Projekt
Oekonux selbst schon ein kleines Stückchen GPL-Gesellschaft ist, daß
es ähnlich der Freien Software keimförmige Anteile hat. Einem Projekt,
daß über eine neue Gesellschaft diskutiert, steht es allerdings auch
gut an, diese Gesellschaft wo immer möglich bereits vorwegzunehmen.


\chapter{Zukunft}














Nach diesen Betrachtungen zu in Vergangenheit und Gegenwart
vorfindlichen Phänomenen, die Hinweise auf eine GPL-Gesellschaft
geben, nun zum eher visionären Teil dieses Beitrags. Es handelt sich
bei dem Folgenden allerdings nicht um eine geschlossene Vision oder
gar Utopie, sondern um mehr oder weniger ausgearbeitete Elemente.
Aktuelle Entwicklungen werden weitergedacht und mit einigen, wenigen
Beispielen illustriert. Hier und da sind die Ideen vielleicht etwas
gewagt und Vieles ist noch nicht im Diskurs ausgegoren, aber wenn
diese Gedanken Denkanstöße geben können, dann haben sie einen
wichtigen Zweck erfüllt.


\section{Politische Bewegung}








Bislang ist eine politische Bewegung{\footnote{Richard M. Stallman
betont allerdings immer wieder, daß es sich bei Freier Software um
etwas Politisches handelt. Dieser politische Aspekt wird durch die
Bezeichnung "Open Source" nachhaltig vernebelt und sollte daher nicht
verwendet werden.}} im engeren Sinne, die Freie Software auf ihre
Fahnen geschrieben hätte noch nicht voll entwickelt. Eine
GPL-Gesellschaft anzustreben, eine Gesellschaft also, die auf den
Prinzipien der Entwicklung Freier Software beruht, wird aber ohne eine
Bewegung zum Scheitern verurteilt sein. Ein Vorläufer und/oder
Bestandteil einer solchen Bewegung könnte eine politisch
ausentwickelte{\footnote{Vielleicht ist auch der hier stillschweigend
vorausgesetzte Begriff von "politisch ausentwickelt" für eine
Freie-Software-Bewegung unangemessen.}} Freie-Software-Bewegung sein.


\subsection{Freie-Software-Bewegung erkämpft gesetzliche Rechte}











Allerdings agiert die Freie-Software-Bewegung mittlerweile durchaus
im politischen Raum, um ihre ganz konkreten Interessen zu vertreten.
Organisatorisch getragen werden entsprechende Aktionen von den
verschiedenen und verschiedenartigen Organisationen{\footnote{Eine
unvollständige Auswahl: {\textit{Linux-Verband (LIVE)}}, {\textit{Free
Software Foundation (FSF)}}, {\textit{Free Software Foundation Europe
(FSFE)}}, {\textit{Association Pour la Promotion et la Recherche en
Informatique Libre (April, Frankreich)}}, {\textit{Verein zur
Förderung Freier Software (Österreich)}}}}, die im GNU/Linux-Umfeld
entstanden sind.


\subsubsection*{Für Verbreitung Freier Software}








Insbesondere der breite Einsatz Freier Software wird immer wieder
eingefordert. Während GNU/Linux-EnthusiastInnen im {\textit{Projekt
PingoS}} die Verbreitung von GNU/Linux an Schulen vorantreiben, hat
sich der {\textit{LinuxTag e.V.}} vor einiger Zeit nachhaltig für den
{\textit{Einsatz Freier Software in der Bundesverwaltung}} stark
gemacht{\footnote{Eine Studie in der Bundesverwaltung, die den breiten
Einsatz Freier Software befürwortet hatte, war nach kurzer Zeit wieder
aus dem Web entfernt worden. Daraufhin startete der LinuxTag e.V. eine
virtuelle Unterschriftensammlung, die die Verantwortlichen dazu
brachte, innerhalb weniger Tage das verschwundene Dokument wieder
verfügbar zu machen.}}.


\subsubsection*{Gegen Behinderung}








Software-Patente sind ein aktuell heiß diskutiertes Thema, das eine
Bedrohung für Freie Software darstellen könnte. Viele
Freie-Software-AnhängerInnen{\footnote{Vgl. insbesondere
\verb!http://www.ffii.org/!}} sind in der {\textit{Abwehr dieser
Bedrohung}} engagiert.


\subsubsection*{BeFreiung staatlich geförderter Ergebnisse}











Die BeFreiung von Ergebnissen staatlicher Förderung könnte ein
nächster Schritt sein. In den USA hat es ähnliche Regelungen
gegeben{\footnote{Tatsächlich bestehen sie möglicherweise noch fort.
Für weitere Informationen zu diesem Punkt wäre ich dankbar.}}. Es
könnte argumentiert werden, daß steuerfinanzierte Informationsprodukte
ohnehin durch die Gesamtgesellschaft finanziert und also dieser
Gesamtgesellschaft auch zugänglich gemacht werden müssen.


\subsection{GrundversorgungsbezieherInnen müssen ihre Produkte beFreien}





In einem weiteren Schritt könnte gefordert werden, daß alle staatlich
alimentierten Produkte Frei zur Verfügung gestellt werden müssen. So
wäre eine Forderung möglich, die eine finanzielle Grundversorgung
jenseits des Armutsniveaus{\footnote{Eine solche müßte also deutlich
höher liegen als die heutige Sozialhilfe.}} damit verbindet, daß die
EmpfängerInnen ihre überschüssigen informationellen und materiellen
Produkte Frei der Allgemeinheit zur Verfügung stellen müssen.








Während die staatliche Alimentation das Überleben im Kapitalismus
garantiert, könnten sich die EmpfängerInnen einer solchen
Grundversorgung dann individuell oder kollektiv selbstentfalten. Was
auf den ersten Blick absurd klingt, würde auf auf Freie Software
bezogen lediglich bedeuten, daß Freie-Software-EntwicklerInnen eine
Grundversorgung bekommen.








Jede solche Forderung, die sich innerhalb des Geldrahmens bewegt,
kann dabei natürlich nur eine Übergangslösung sein, die so lange nötig
ist, so lange eine Freie Reproduktion{\footnote{Gemeint ist eine
Reproduktion der Lebensbedingungen ausschließlich durch Freie Güter.
Heute ist eine Freie Reproduktion nur im Bereich der Software und
einiger anderer Informationsgüter möglich.}} noch nicht möglich ist.
Allerdings könnte die Erfüllung einer solche Forderung eine solche
Freie Reproduktion befördern.


\subsection*{{\textbf{Fazit: }}Bewegung setzt ihre Interessen durch}








Die Freie-Software-Bewegung setzt sich bereits stellenweise für ihre
Interessen ein{\footnote{Dabei kann sie auf eine breite Basis
heimlicher Verbündeter stützen: Die MitarbeiterInnen in Verwaltung und
Kapital, die Freie Software wegen ihrer Qualität schätzen oder einfach
nur - auch wegen ihrer Prinzipien - sympathisch finden und sich daher
z.B. für die Einführung Freier Software in ihren Einrichtungen stark
machen.}}. Wenn die Freie Software tatsächlich eine Keimform einer
GPL-Gesellschaft ist, dann setzt sie damit sogar allgemeine Interessen
durch.





Eine originäre politische Bewegung für eine GPL-Gesellschaft müßte
allerdings noch entwickelt werden und steht mittlerweile auf der
politischen Tagesordnung{\footnote{Wenn die Anstrengungen des Projekts
Oekonux einer solchen Bewegung hilfreich sein können, dann wäre das
vermutlich das Schönste, was aus Oekonux werden kann.}}.


\section{Freie Produktion}


Auf dem Weg in eine GPL-Gesellschaft müßte vor allem auf dem Sektor
der Güterproduktion die Entwicklung fortgeführt werden, die mit Freier
Software begonnen wird.


\subsection{Vielfältig im Bereich der Informationsgüter}





Im Bereich Informationsgüter{\footnote{Genaugenommen gilt dies für
den Bereich digitalisierbarer Informationsgüter. Mit der heute
verfügbaren Computer-Technik sind aber sehr viele Informationsformen
auf Computern reproduzierbar, so daß diese Einschränkung eher gering
ist.}} sind die technischen Grundlagen bereits gelegt, die der Freien
Software zum Erfolg verholfen haben. Ist die These verallgemeinerbar,
daß das Entwicklungsmodell Freier Software bessere Ergebnisse bei der
Informationsproduktion zur Folge hat, so gibt es keine prinzipiellen
Gründe, warum sich dieses Modell nicht auch für andere
Informationsgüter durchsetzen sollte. Es fehlt eigentlich nur noch
jeweils ein Personenkreis, der sich die Entwicklung eines
entsprechenden Informationsguts zum Ziel setzt.








Mit den heute verfügbaren Internet-Angeboten wäre es z.B. leicht,
eine eigene Zeitung zu gestalten, die aus den verfügbaren
News{\footnote{Viele Zeitungen präsentieren ihre Inhalte heute bereits
als kostenlosen Service online (siehe z.B. die Sammlungen
\verb!http://paperball.fireball.de/! oder
\verb!http://www.paperazzi.de/!).}} zusammengesetzt ist und denen
Freie ZeitungsmacherInnen nur noch regelmäßig eine Struktur
hinzufügen. Würden Links zu den Originalanbietern gelegt, so wäre
sogar denkbar, daß die Originalanbieter mit dieser Art der Verwertung
höchst einverstanden wären.





Ähnlich Freier Software wird es sich bei solchen Freien MacherInnen
um ExpertInnen auf ihrem jeweiligen Gebiet handeln müssen - hohe
Qualität ist schließlich in jedem Entwicklungsmodell oft nur mit einer
gehörigen Portion Sachverstand zu haben.


\subsection{Freie Hardware wird real}














Im Bereich der materiellen Güter gibt es besonders weitgehende Freie
Projekte im Bereich der Elektronik{\footnote{Diese Projekte beziehen
sich in ihren Ideen oft ganz explizit auf Freie Software. Hier ist
also sehr deutlich die Ausstrahlung zu registrieren, die Freie
Software in andere Bereiche hat. Begünstigt wird das für den
Hardware-Bereich durch die engen Bezüge zwischen Hard- und
Software.}}. Der {\textit{Utopia WebRing}} zählt einige Projekte auf,
die Freie Designs für den Bereich von der elektronischen Schaltung bis
hin zum Mikroprozessor entwickeln. Da es im Elektronikbereich bereits
so fortgeschrittene Projekte gibt{\footnote{Ein besonders
ambitioniertes und höchst spannendes Projekt außerhalb des
Elektronikbereichs ist das {\textit{OSCar-Projekt}}, bei dem ein
Freies Auto entwickelt wird. Spannend insbesondere, wie hier
ökologische Bedürfnisse zur Geltung kommen.}}, dürfte dies der erste
Bereich sein, in dem breitflächig Freie materielle Güter, Freie
Hardware verfügbar wird.{\footnote{Wird Freie Hardware als solche
verstanden, bei der die Entwürfe in einem Freien Prozeß erstellt
werden, so gibt es bereits heute Freie Hardware.}}





Analog zu Industrierobotern und Fabbern gibt es auch im Bereich der
Digitalelektronik bereits heute interessante Entwicklungen, die Freie
Hardware begünstigen. FPGAs (Field Programmable Gate Arrays) sind
Chips, deren konkrete Verschaltung erst durch eine Programmierung
festgelegt wird. Sie bilden damit eine universelle Hardware-Basis,
deren funktionaler Anteil wesentlich durch die Programmierung, also
durch Information bestimmt wird. Zwar sind solche Chips etwas
langsamer als ihre festverdrahteten Kollegen, aber in vielen
Situationen überwiegen die Vorteile der freien Programmierbarkeit
diesen Nachteil bei weitem.








Natürlich werden auch solche Chips heute noch kommerziell
hergestellt, aber die Massenproduktion, die bei massenhafter Nachfrage
auftritt, und die Konkurrenz unter mehreren Herstellern des gleichen
Produkts macht solche Chips immer billiger und damit
erschwinglich.{\footnote{Dies ist übrigens ganz analog zu der
Entwicklung im PC-Bereich, bei der die Massenproduktion
vereinheitlichter Bauteile zu einem permanenten Preisverfall geführt
hat, der lediglich durch die permanente Leistungssteigerung
einigermaßen kompensiert wurde.}} FPGAs könnten also im
Hardware-Bereich einen wichtigen Schritt hin zu Freier Hardware
bilden.


\subsection{Fabber breit verfügbar und billig}





In einem weiteren Schritt könnten ähnlich PCs die heute schon
verfügbaren Fabber zu einem Massenphänomen werden. Als
Universal-Materialisatoren könnten sie von Personengruppen angeschafft
werden, die mit ihrer Hilfe Freie Entwürfe materialisieren. Es wäre
naheliegend, solche Freien Fabber-Gruppen regional zu organisieren.








Voraussetzung für eine solche Entwicklung ist, daß Menschen auf diese
Weise zu Gütern kommen, die Vorteile gegenüber Waren haben, die sie
auf dem Markt kaufen können. Einer der zu erwartenden Vorteile wäre
die hohe Qualität, die aus dem Freien Entwicklungsprozeß resultiert.
Ein weiterer Vorteil wäre, daß Nischenprodukte hergestellt werden
könnten, für die es gar keinen entwickelten Warenmarkt und also gar
keine Waren gibt. Damit könnten Bedürfnisse erfüllt werden, die der
Warenmarkt mangels ausreichender zahlungskräftiger
Nachfrage{\footnote{Zum heutigen Zeitpunkt ist wohl noch nicht zu
klären, inwieweit eine solche Produktion auf der Grundlage Freier
Information billiger oder teurer wäre als proprietäre
Massenproduktion. Insbesondere ist also heute nicht zu klären, ob und
ggf. wann eine solche Materialisation auch für Arme eine Alternative
zum Warenmarkt darstellen könnte.}} überhaupt nicht befriedigen
kann{\footnote{Es ist ja pure Ideologie, wenn behauptet wird, daß
Warenproduktion alles produziert, was Menschen zu ihrer
Bedürfnisbefriedigung brauchen können. Da Waren für den Verkauf
hergestellt werden, werden konsequenterweise keine Waren hergestellt,
die nicht verkauft werden können - unabhängig von einem evt.
vorhandenen gesellschaftlichen Bedürfnis. Es kann also tatsächlich nur
solche Waren geben, bei denen sich das Bedürfnis nach ihnen mit einer
gewissen Zahlungsfähigkeit kombiniert. Umgekehrt werden Luxuswaren
hergestellt, nach denen das gesellschaftliche Bedürfnis verschwindend
gering ist, dessen TrägerInnen sich aber einer hohen Zahlungsfähigkeit
erfreuen können.}}. Prototypenproduktion im Bereich der Wissenschaft
könnte ein solcher Anwendungsbereich sein.


\subsection{Freie Produktivgruppen arbeiten industriell}








In einem weiteren Schritt wäre vorstellbar, daß die Freien
Fabber-Gruppen dazu übergehen, sich weitere universelle
Produktionsmittel zu besorgen und damit einen immer
leistungsfähigeren, aber universell benutzbaren Maschinenpark
zuzulegen. Es könnten Industrieroboter und andere Produktionsautomaten
eingesetzt werden, die von kommerziellen Firmen ausrangiert und
preiswert abgegeben werden.








Ein solcher Maschinenpark könnte kollektiv von einer Freien
Produktivgruppe besessen, gepflegt und genutzt werden. Die
individuellen Produkte würden von den einzelnen Gruppenmitgliedern auf
der Grundlage Freier Entwürfe aus dem Internet hergestellt.





In der Übergangsphase zu einer GPL-Gesellschaft müßten solche Freien
Produktivgruppen vermutlich genau regeln, wie ihr Verhältnis zur
Außenwelt{\footnote{In einer entwickelten GPL-Gesellschaft gäbe es ein
Außenverhältnis nicht mehr, da dann alle "innen" sind und folglich
kein Außen mehr existiert.}} gestaltet werden soll. Insbesondere: Soll
es Gruppenmitgliedern erlaubt sein, erzeugte Produkte nach außen zu
verkaufen und somit die gemeinschaftlichen Maschinen für eine private
Aneignung durch Warenproduktion zu verwenden? Unter welchen
Bedingungen wäre so etwas erlaubt und könnte dies vielleicht durch
entsprechende Abgaben zur Refinanzierung des Maschinenparks genutzt
werden? Wie sieht es aus, wenn die Gruppe als Ganzes Produkte nach
außen verkauft?





An dieser Stelle werden die Unterschiede zwischen materiellen und
Informationsgütern deutlich, bei denen die Reproduktion durch die
digitale Kopie heute nahezu kostenlos geworden ist. Die Produktion
materieller Güter benötigt aber auch bei noch so universellen
Maschinen Rohstoffe{\footnote{Natürlich sind auch Rohstoffe kein
prinzipielles Problem für die Erreichung einer GPL-Gesellschaft, da
auch diese automatisiert abgebaut werden können. Die Entwicklung der
Automatisierung im Bergbau, die - neben anderen Faktoren - in den
letzten Jahrzehnten zu einem epochalen Arbeitsplatzabbau in den
Kohlerevieren geführt hat, mag hierfür als bereits heute existierendes
Beispiel dienen.}} und auch der anteilige Maschinenverbrauch kann
einen erheblichen Teil der Produktionskosten eines materiellen Gutes
ausmachen. Solange noch nicht alle, oder zumindest wesentliche Güter
so zu Verfügung stehen, wie Freie Software sind diese Fragen wichtig
und müssen geklärt werden.


\subsection*{{\textbf{Fazit: }}Idee der Freien Produkte gewinnt Breite}











Es ist also durchaus vorstellbar, daß die Idee Freier Produktion
weiteren Zulauf erhält. Wie an der Freien Software zu studieren ist,
macht das Prinzip einfach Spaß. Die Entstehung von Communities, die
sich mit dem Entwurf bestimmter Güter befassen, ist heute schon an
einigen interessanten Beispielen zu sehen. Wie der Übergang genau
ablaufen kann, ist zwar momentan noch nicht vollständig sichtbar,
Ansätze sind aber bereits erkennbar.








Eine solche Entwicklung liegt im unmittelbaren Interesse der Menschen
und zwar nicht nur in einer fernen Perspektive auf eine bessere Welt,
sondern es ist ein ganz konkreter Nutzen durch Freie Produkte
erfahrbar. Eine solche Entwicklung müßte also nicht gegen die Menschen
durchgesetzt werden, sondern würde sich aus ihren Bedürfnissen heraus
von selbst entwickeln.


\section{Organisationsformen}


An vielen Stellen können Freie Formen bereits bestehende
Organisationen nutzen. Auch hier gibt es also Potentiale, die es bei
der Tätigkeit für eine GPL-Gesellschaft zu untersuchen und ggf. zu
nutzen gilt.


\subsection{Firmen sind an Freier Entwicklung interessiert}








Die globale Kooperation, die Freie Software so nützlich macht, die
hohe Qualität, die mit den Prinzipien der Entwicklung Freier Software
erzielt wird, von diesen Vorzüge können auch Firmen profitieren.
Genauso ist es denkbar, daß Firmen auf anderem Sektor von analoger
Freier Entwicklung profitieren.








Ganz konkret kann dies dort vorteilhaft sein, wo die
Markteintrittskosten für ein Produkt immens hoch sind - z.B. weil
jedes neu entwickelte Produkt mit großem Marketingaufwand in einen
bereits gut besetzten Markt gedrückt werden muß. Freie Entwicklungen
haben dagegen den Vorteil bei Fachleuten allgemein bekannt zu sein.
Eine Firma, die eine solche Freie Entwicklung konkret herstellt,
könnte auf Produktmarketing weitgehend verzichten{\footnote{Ähnlich
wie Freie Software auf jegliches Produktmarketing völlig verzichtet -
oder wann hat es die letzte Marketingkampagne für eine neue Option bei
{\textbf{grep}} gegeben?}}.


\subsection{Entwicklungsökonomien kooperieren Frei}

















Gerade für Entwicklungsökonomien in den armen Ländern dieses Planeten
könnten Freie Entwicklungen eine Riesenrolle spielen. Wenn auch die
Lage in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich ist, so gibt es
immer wieder Probleme, die in mehreren Ländern auftreten und die in
Freier Kooperation{\footnote{Interessante Entwicklungen gibt es
bereits u.a. in Indien. Gedanken dazu finden sich in {\textit{The
Bangalore Declaration on Information Technology for Developing
Countries}}. Ein konkretes Hardware-Projekt ist der
{\textit{Simputer}}.}} besser bewältigt werden
könnten.{\footnote{Zahlreiche Vorteile, die Freie Software für
Entwicklungsökonomien hat, sind in der Sammlung {\textit{Freie
Software - Chancen für Entwicklungsökonomien}} zusammengetragen.}}


\subsection{Freie-Bahn-Gruppe arbeitet mit betriebsinternem Wissen}








Eine Freie-Bahn-Gruppe könnte sich um eine Optimierung der Bahn nach
den Interessen der BahnfahrerInnen kümmern - EnthusiastInnen, die so
etwas gerne tun würden, gibt es wohl genug. Die Aufgabe einer solchen
Gruppe würde erleichtert, wenn sie von der Bahn betriebstinterne
Information bekäme. Auch BahnmitarbeiterInnen wären als Teil einer
solchen Gruppe denkbar und sicher hocherwünscht. BahnfahrerInnen
könnten in oder gegenüber einer solchen Gruppe viel direkter ihre
Bedürfnisse formulieren und einbringen, als das bei den momentanen
Strukturen der Fall wäre.


\subsection{Freie BeraterInnengruppen koordinieren sich über Netzterminkalender}





Bei vielen Beratungstätigkeiten gibt es einen Widerspruch zwischen
den Selbstentfaltungsbedürfnissen der BeraterInnen und der der
Beratenen durch die simple Tatsache, daß eine Face-To-Face-Beratung
zeitlich koordiniert werden muß. Die heutige Lösung geht bei
(zunächst) anonymer Beratung von einer permanenten Verfügbarkeit der
BeraterInnen während der Arbeitszeit aus.








Dieser Widerspruch wäre durch eine Koordination über einen
Netzterminkalender heute einfach zu lösen. Die BeraterIn würde einfach
im Internet Termine zur Verfügung stellen, die InteressentInnen dann
belegen und wahrnehmen könnten.


\subsection{Kommerzielle Datensammlung positiv gewendet}


Heute werden an allen Ecken und Enden Daten erfaßt und gesammelt.
Insbesondere im Internet ist die Datensammelwut besonders groß und wer
heutzutage noch nicht regelmäßig Spam in der eMail hat, kann sich
glücklich schätzen.


Gezielte kommerzielle Datensammelei dient dazu, potentielle KundInnen
möglichst zielgenau erfassen zu können. Was heute lediglich dem
Profitinteresse der VerkäuferInnen entspricht und deswegen nervtötend
ist, könnte positiv gewendet werden, wenn es den Menschen als
Hilfestellung beim "Nehmen" dienen würde.


\subsection{NGOs entwickeln sich zu Maintainern weiter}








Was NGOs heute schon tun - z.B. im Umweltbereich - könnte weiter
ausgebaut werden. Versehen mit entsprechenden Einflußmöglichkeiten
könnten die, denen heute das Wohl der Umwelt am Herzen liegt, zu
Maintainern der hinterlassenen Umweltprobleme werden: Greenpeace als
Ozonloch-Maintainer.


\subsection*{{\textbf{Fazit: }}Wenig Phantasie genügt um vieles vorstellbar zu machen}








Relativ wenig Phantasie genügt, um sich vieles vorstellen zu können.
Oft sind die Hürden für eine Umsetzung erstaunlich niedrig und mit ein
wenig gutem Willen könnten weitere Projekte bereits heute begonnen
werden.


\section{BeFreiung aus der Lohnarbeit}





Eine anderer Gedankengang ist die Frage, ob kapitalistische
Institutionen sich selbst auf die eine oder andere Weise in eine
beFreite Form transformieren können bzw. was von außen einen solchen
Prozeß befördern könnte.{\footnote{Vielleicht ist dieser Abschnitt
besonders utopisch und auch besonders unfertig. Ich habe beschlossen,
ihn dennoch zur gedanklichen Anregung mit in diesen Text
hineinzunehmen.}}


\subsection{IBM beFreit sich}


Firmen wie IBM engagieren sich in letzter Zeit verstärkt für Freie
Software. Natürlich rechnen sich diese Firmen einen Gewinn aus, wenn
sie in Freie Software investieren. Einen Gewinn, der sich letztlich
nur durch unFreie Produkte und/oder Dienstleistungen erzielen läßt.
Dennoch stärken sie mit ihren Aktivitäten die Freie-Software-Bewegung
und in der Konsequenz faktisch eine Bewegung für eine
GPL-Gesellschaft.


Als einer der großen Global Player hat IBM das Zeug dazu, einen
Mikrokosmos zu bilden. Wenn sich die Idee weiter verbreitet, könnten
immer weitere Teile der Firma beFreit werden. Im Mikrokosmos einer
großen Firma könnten viele Freie Formen ausprobiert werden, die für
die Organisation einer GPL-Gesellschaft von Bedeutung wären.


In vielen Firmen wäre es schon ein gewaltiger Schritt, wenn die
Firmen im Innern in Freien Formen arbeiten würden anstatt mit
hierarchischen Mauern Kooperationen und Freie Entfaltung zu
verhindern. Zwar stößt eine solche Entfaltung immer an die
strukturellen Grenzen kapitalistischer Verwertung, aber die positiven
Effekte Freier Entwicklung könnten auch für die Firmen zu positiven
Effekten führen, die sie in Gewinne am Markt umsetzen könnten.


\subsection{ArbeitnehmerInnen rationalisieren sich selbst weg}





Eine Grundlage solcher BeFreiungsprozesse könnte sein, daß
MitarbeiterInnen ihre eigenen Arbeitsplätze überflüssig machen. Da
MitarbeiterInnen über ein großes Know-How über ihren je konkreten
Arbeitsplatz verfügen, haben sie oft auch gute Ideen, was an diesem
Arbeitsplatz verbessert werden könnte. Was im kapitalistischen Alltag
als KVP (Kontinuierlicher Verbesserungsprozeß) bekannt ist, richtet
sich allerdings strukturell gegen die MitarbeiterInnen, da jede
Rationalisierung, jede Verminderung von Arbeitseinsatz
MitarbeiterInnen strukturell bedroht.{\footnote{Es ist interessant,
wie der sonst so hochdynamische Kapitalismus an dieser Stelle durch
den antagonistischen Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit massiv
die Entwicklung der Produktivkräfte ausbremst.}}


Würde dieser Prozeß im Rahmen einer BeFreiung jedoch für alle
Beteiligten positiv gewendet, so könnten einerseits im Extremfall die
MitarbeiterInnen also bei vollem Lohn einfach zu Hause bleiben,
andererseits wären noch erhebliche Produktivitätsschübe denkbar, die
den Firmen auch auf dem Markt Vorteile bringen könnten.





Um eine größtmögliche Arbeitsverminderung zu erzielen, müßten alle
MitarbeiterInnen{\footnote{Würde ein solches Prinzip auf die
MitarbeiterInnen verschiedener Firmen ausgedehnt, so würde auch die
Konkurrenz zwischen den Firmen gemindert. Eine weitere Entwicklung
könnte sein, daß die produzierenden Organisationen, die aufgrund des
heutigen Konkurrenzdiktats gegeneinander arbeiten müssen, sich
zusammenschließen und mit vereinten Kräften für eine maximale
Produktivität sorgen anstatt sich in Konkurrenzkämpfen aufzureiben.}}
Frei kooperieren können. Auf diese Weise würden wie bei Freier
Software die guten Ideen von Einzelnen, die Selbstentfaltung durch
Beseitigung von Notwendigkeit zur Wohltat für alle werden. In jedem
Fall müßten solche Verhältnisse gesetzlich oder zwischen den
Tarifvertragsparteien für beide Seiten abgesichert werden.


\subsection*{{\textbf{Fazit: }}Vieles denkbar, aber das meiste ist heute noch nicht gedacht}





Nun, diese Gedanken klingen sehr utopisch - vielleicht sind sie auch
einfach abwegig. Aber wie die Freie Software{\footnote{Unerwartete
Entwicklungen gibt es aber nicht nur hier. Wer hätte noch in der Mitte
der 80er Jahre geglaubt, daß nur ein paar Jahre später die Sowjetunion
nicht mehr existieren würde?}} zeigt, ist Vieles denkbar. Und noch
mehr ist heute nicht einmal denkbar, weil wir alle in den vorgedachten
Bahnen hängenbleiben. Die Entwicklung wird eigene Idee finden und
ausführen. Es wird Fehlentwicklungen geben und richtungweisende
Projekte. Eine Entwicklung zu einer neuen gesellschaftlichen Formation
ist schließlich nie eindeutig oder gar widerspruchsfrei. Wichtig ist
allein, daß die Entwicklung auch tatsächlich stattfindet.


\section{Politik jenseits der Geldinteressen}


Auch in einer GPL-Gesellschaft gäbe es die Sektoren menschlicher
Gesellschaft, die heute von Politik reguliert werden. Auch für diese
Sektoren ist also zu überlegen, wie eine Freie Organisation aussehen
könnte.


\subsection{Freies Regierungswissen}




















Ein wichtiger Schritt könnte sein, daß die Informationen, die einer
Regierung{\footnote{Ich benutze den Terminus "Regierung" hier mangels
besserer Alternativen. Ob in einer GPL-Gesellschaft von einer
Regierung in irgendeinem herkömmlichen Sinn gesprochen werden kann,
ist eine offene Frage.}} bzw. Verwaltung zur Verfügung stehen, allen
Frei zugänglich gemacht werden. Auf diese Weise könnten alle dieses
Wissen einerseits für sich nutzen und andererseits sich eine
informierte Meinung{\footnote{Die AtomkraftgegnerInnen haben hier
vorgemacht, wie so etwas aussehen kann. Sie haben sich eingehend über
die von ihnen kritisierte Technik informiert und konnten sich so eine
auch auf fachlicher Ebene treffende Meinung bilden.}} über Sachfragen
bilden, die die gesamte Gesellschaft oder nennenswerte Teile davon
betreffen. Würde eine Verwaltung aus Freien Gruppen bestehen, die nach
den Prinzipien der Entwicklung Freier Software tätig werden, so wäre
diese Freie Information natürlich ohnehin selbstverständlich.


\subsection{Freie Information verteilt Macht}





In der Geschichte hat die Verfügung über Information immer auch
Herrschaft konstituiert. Nur wer über wichtige Information verfügt,
war dazu in der Lage andere zu beherrschen. Heute ist dieser Aspekt
noch viel wichtiger geworden und gleichzeitig viel subtiler. Die
gezielte Manipulation der KonsumentInnen ist nur durch umfangreiche
Informationserhebung möglich. Gleichzeitig ist ein Vorenthalten, eine
Verknappung von Information immer auch eine Methode gewesen, um
anderen Macht zu nehmen bzw. ihnen gar nicht erst zukommen zu lassen.





Wenn Information wie bei Freier Software allen zur Verfügung steht,
wenn quasi der Source-Code auf dessen Grundlage die Gesellschaft
funktioniert allen Frei verfügbar ist - sowohl zur eigenen Information
als auch zum handelnden Eingreifen in gesellschaftliche Vorgänge -,
dann werden Machtkonzentrationen aufgelöst, die durch
Informationsverknappung entstehen. Wenn der Satz gilt "Wissen ist
Macht", dann ist eine BeFreiung von Information gleichzeitig eine
Entmachtung der Herrschenden und somit eine BeFreiung der Menschen.


\subsection{Mitbestimmung jenseits der Demokratie}





Freie Prinzipien sind keineswegs ein Widerspruch zu demokratischen
Prinzipien. Da bei Freien Projekten grundsätzlich jedeR Zugang zum
Projekt hat und sich jedeR eine Meinung bilden kann, gehen sie
mindestens in dieser Beziehung über die etablierten
Methoden{\footnote{In den westlichen Demokratien stellt die Presse
einen wichtigen Mittler zwischen politischem Geschehen einerseits und
dem Wahlvolk andererseits dar. Als Mittler filtert die Presse die
(ihr) verfügbare Information. Zwar ist diese Funktion einerseits
nützlich um die Informationsflut vorzustrukturieren, andererseits
dominieren die von der Presse verwendeten, äußerst schmalbandigen
Filter die öffentliche Meinung heute oft in so hohem Maße, daß eher
von Volksverdummung als von Information gesprochen werden muß.}}
staatlicher Demokratie sogar weit hinaus.











Allerdings ist bei Freier Software die Mitbestimmung über Mehrheiten
eher unüblich. Wie die Internet-Standards basieren die Entscheidungen
bei der Entwicklung Freier Software eher auf "rough consensus and
running code" ("einigermaßen Konsens und laufender
Code"){\footnote{Ein Diskurs, an dessen Ende eine Konsensentscheidung
stehen soll, läuft über weite Strecken anders ab, als ein solcher, der
in einer Mehrheitsentscheidung enden wird. Während bei einer
Mehrheitsentscheidung die Mehrheitsfraktion aufhören kann zu
diskutieren, sobald sie sich ihrer Mehrheit sicher ist, soll beim
Treffen einer Konsensentscheidung keiner mehr widersprechen müssen -
und nicht etwa alle zustimmen. Dadurch müssen sämtliche Bedenken im
Zuge des Diskurses zumindest so ausgeräumt werden, daß die
BedenkenträgerInnen mit der gefundenen Entscheidung leben können.
Allein dieser simple Unterschied zwischen Mehrheits- und
Konsensverfahren hat eine völlig andere Diskurskultur zur Folge. Die
größere Tiefe des Diskurses und die vollständigere Einbindung aller
Beteiligten verbessert einerseits die Qualität der Entscheidungen,
andererseits vereinfacht sie die Umsetzung, da von den Beteiligten
keine Widerstände zu erwarten sind, die die Umsetzung von
Mehrheitsentscheidungen oft erheblich erschweren.}}.











Weiterhin ist es in Freien-Software-Projekten oft so, daß in
schwierigen Fällen, in denen sich auf nach langer Diskussion kein
Konsens herausbildet, die MaintainerIn des Projekts eine verbindliche
Entscheidung fällt. Die MaintainerIn hat dabei aber keine herrschende
sondern eine helfende Funktion. Die getroffene Entscheidung hilft dem
Projekt ja insgesamt weiter und für die Beteiligten ist es nach einer
langen Diskussion ja i.a. auch klar, daß eine Entscheidung notwendig
ist. Eine MaintainerIn kann ihre Funktion daher nur solange ausführen,
solange sie im Interesse des Gesamtprojekts handelt. Da sie keine
formale Stellung im Projekt hat, kann sie jederzeit durch eine andere
MaintainerIn abgelöst werden. Im Falle eines tiefgehenden
Konflikts{\footnote{So geschehen im schon klassischen Konflikt
zwischen dem früheren Team von {\textbf{gcc}}-EntwicklerInnen und der
GNU/Linux-Gemeinde. Während die ursprünglichen EntwicklerInnen einen
eher langsamen und geschlossenen Entwicklungsprozeß für richtig
hielten, gab es bei den GNU/Linux-Leuten das Bedürfnis nach einer
wesentlich schnelleren Entwicklung. Dieser lange schwelende Konflikt
endete dann in dem neuen {\textbf{egcs}}-Projekt, das die
GNU/Linux-Leute auf der Grundlage des alten Projekts aufsetzten.
Allerdings haben sich die beiden Stränge mittlerweile wieder
vereinigt.}} kann sich darüberhinaus das Projekt jederzeit
aufspalten{\footnote{Eine solche Aufspaltung, ein Fork wird allerdings
nicht so gerne gesehen, denn das Nebeneinander der Projekte bindet
Ressourcen, die in einem gemeinsamen Projekt sinnvoller verwendet
werden könnten.}}.














Eine Vertretung wie sie im Parlamentarismus üblich ist, wo wenige
einzelne ParlamentarierInnen riesige, bunt gemischte Bevölkerungsteile
vertreten, hat sich in einer GPL-Gesellschaft überlebt. Vielmehr
können aber auch müssen{\footnote{Dieser Dualismus zwischen Können
einerseits aber auch Müssen andererseits ist ein Kennzeichen von
Freiheit. Wenn ich einerseits die Freiheit habe, etwas so oder anders
machen zu können, dann muß ich andererseits auch eine
(verantwortliche) Entscheidung treffen, wie ich es denn nun machen
will.}} sich die Menschen um ihre Belange im Extremfall selbst
kümmern. Gleichzeitig können aber auch müssen sie dann die
Verantwortung für ihr eigenes Leben auch selbst übernehmen, die ihnen
heute durch das Vertretungsprinzip genommen wird.


\subsection*{{\textbf{Fazit: }}GPL-Gesellschaft ist Weiterentwicklung der Demokratie}











Die GPL-Gesellschaft liegt auf der gleichen Linie wie Demokratie,
entwickelt demokratische Grundsätze aber deutlich weiter. In den
Kindertagen der westlichen Demokratie - und aus dieser Zeit stammt
auch unser heutiges Demokratieverständnis - gab es deutliche
Einschränkungen, die eine breite Mitbestimmung auf einer inhaltlichen
Basis weitgehend unmöglich machten. Damals war das Vertretungsprinzip
das einzig überhaupt praktikable Prinzip. Diese Einschränkungen werden
durch die technischen Entwicklungen aber zumindest im Grundsatz immer
weiter aufgehoben. Freie Software macht vor, wie eine zeitgemäße
demokratische Mitbestimmung{\footnote{Die Versuche Wahlen ins Internet
zu verlegen, bringen dagegen nur alten Wein in neue Schläuche.
Letztlich wird ja lediglich das Verfahren geringfügig modifiziert
während das Vertretungsprinzip nicht einmal angetastet wird. Es gibt
allerdings einige wenige Initiativen von staatlicher Seite - oft
einzelnen Abgeordneten - auch die inhaltliche Debatte ins Internet zu
bringen. Solche Initiativen weisen schon eher in Richtung einer
GPL-Gesellschaft.}} jenseits des Vertretungsprinzips heute aussehen
kann.


\section{Nutzen der Güter}


Nicht nur die Produktionsweise wird sich in einer GPL-Gesellschaft
verändern, auch die hergestellten Güter selbst werden anders sein als
die, die wir heute kennen.


\subsection{Nutzen zählt}











Die heute hergestellten Waren sind fast ausschließlich Waren - d.h.
Güter, die in erster Linie für den Verkauf auf dem Markt hergestellt
werden. Der konkrete Nutzen einer Ware, der Gebrauchswert ist für die
ProduzentIn nur insofern von Interesse, wie er die Verkaufbarkeit
beeinflußt. Eine der logischen Folgen ist, daß es keine
Waren{\footnote{Die gilt nur für rein kapitalistisch produzierte
Waren. Insbesondere der Staat kann mit Subventionen die Produktion
solcher Waren begünstigen.}} gibt, für die es zwar ein konkretes
gesellschaftliches Bedürfnis, aber keine zahlungskräftige Nachfrage
gibt.








Anders ist dies bei Freien Gütern. Freie Güter werden unmittelbar und
ausschließlich wegen ihres konkreten Nutzens hergestellt. Der Nutzen
kann dabei sehr unterschiedlicher Natur sein: Von rein ästhetischen
Gesichtspunkten bis hin zu dringend benötigten Werkzeugen liefert die
Selbstentfaltung der Einzelnen unendlich viele konkrete
Gründe{\footnote{Die Bewertung dessen, was der konkrete Nutzen eines
Gutes ist, unterliegt dabei ebenfalls individuellen Maßstäben. Der
konkrete Nutzen von Freien-Software-Projekten ist öfter einfach
gewesen, programmierend zu erforschen, wie sich bestimmte Probleme
lösen lassen.}}.








Ob ein Freies Gut hergestellt wird oder nicht, ist also keine Frage
von Kaufkraft, sondern liegt allein im Ermessen der
ProduzentIn{\footnote{Um Mißverständnissen vorzubeugen: Das Ermessen
der ProduzentIn kann dabei durchaus gesellschaftlich beeinflußt sein.
So ist es z.B. ohne weiteres denkbar, daß eine ProduzentIn eine
gesellschaftliche Notwendigkeit als ihre Pflicht begreift und sich
deswegen verantwortlich darum kümmert. Dies ist kein Widerspruch zur
Selbstentfaltung der ProduzentIn sondern eine bestimmte Form der
Selbstentfaltung. Freie Software zeigt, wie diese Momente harmonisch
zusammenspielen können.}}. Die ProduzentIn entscheidet, für welchen
konkreten Nutzen sie sich anstrengen möchte.











Verliert der abstrakte Wert eines Produkts - den zu messen
kapitalistisches Wirtschaften allein in der Lage ist -, verliert
dieser abstrakte Wert zugunsten konkreten Nutzens an Bedeutung, rückt
die ganze Bandbreite konkreten Nutzens wieder ins Blickfeld. So steht
z.B. der ökologische Nutzen eines Produkts - z.B. Langlebigkeit oder
Materialverbrauch{\footnote{Spannend übrigens, das im
{\textit{OSCar-Projekt}} genau solche Fragen eine ganz wichtige Rolle
spielen. Während die etablierten Autohersteller sich um ökologische
Optimierung nicht weiter scheren als aus Image-Gründen unbedingt
notwendig, werden in diesem Freien Auto-Projekt solche Fragen
eingehend diskutiert.}} - gleichberechtigt neben beispielsweise einer
bestimmten Funktionalität{\footnote{Welcher konkrete Nutzen wie
gewichtet werden soll, ist dabei eine gesellschaftliche Frage, über
die es einen gesellschaftlichen Diskurs geben muß. Dieser Diskurs wird
Rückwirkungen auf die ProduzentInnen, aber auch die NutzerInnen der
Produkte haben.}}.


\subsection{NutzerInnen können Produkte konfigurieren und variieren}


Teilaspekte konkreten Nutzens sind Konfigurierbarkeit, Variierbarkeit
und universelle Einsetzbarkeit von Produkten. Während diese Faktoren
bei der Warenproduktion i.d.R. eine untergeordnete Rolle spielen - mit
mehr verkauften spezialisierten Produkten kann schließlich mehr Profit
erwirtschaftet werden -, bekommen diese Nutzenarten bei Freien
Produkten große Bedeutung.

















Durch diese Anpaßbarkeit der Güter wird einerseits die Freiheit der
NutzerInnen gesteigert, die sich die konkreten Güter an ihre konkreten
Bedürfnisse so optimal wie möglich anpassen können. Andererseits
steigert sich aber auch die Freiheit der ProduzentInnen, da mit
solchen universell verwendbaren Gütern der Bedarf nach
Spezialprodukten{\footnote{Aus ähnlichen Gründen sind die
ProduzentInnen selbst auch an pflegeleichten, verstehbaren und
langlebigen Produkten interessiert. Insbesondere hat eine Freie
ProduzentIn kein Interesse mehr an einer vorzeitigen Alterung eines
Produkts - sei es durch vermeidbaren Verschleiß oder durch gezielte
Inkompatibilitäten. Beides ist bei proprietärer Software vom Schlage
Microsoft übrigens fester Bestandteil der Profitmaximierung.}} abnimmt
und somit die gesellschaftliche Notwendigkeit reduziert wird.


\subsection{Weitere Modularisierung für größere Flexibilität}

















Insbesondere die weitere Modularisierung{\footnote{Freie Software
führt dies bereits sehr schön vor. Dort spielt einerseits die
Modularisierung funktionaler Einheiten eine noch größere Rolle als in
der kommerziellen Software-Entwicklung. Andererseits ist Freie
Software oft viel weitgehender konfigurierbar als kommerzielle
Software.}} von Gütern erhöht deren Flexibilität enorm. Schon in der
Warenproduktion wird bei stark individualisierten Waren wie z.B.
Möbeln oder auch Autos bereits heute gerne ein Baukasten angeboten,
dessen Teile sich mehr oder weniger frei kombinieren
lassen{\footnote{Zu unterscheiden ist dies übrigens von der
Maßanfertigung, bei der ein Produkt von Grund für eine ganz konkrete
Situation hergestellt wird. Baukastensysteme bilden so gesehen ein
Zwischending zwischen Maßanfertigung und einer standardisierten
Massenproduktion. Mit steigender Flexibilität der Produktion ist zu
erwarten, daß die Baukästen immer universeller werden.}}. Diese
Warengruppen bieten schon heute erhebliche Freiheitsgrade an. Ein
Freies Auto könnte mit Hilfe geeigneter Module beispielsweise
individuell, aber auch nach regionalen Bedürfnissen konfiguriert
werden.


\subsection*{{\textbf{Fazit: }}Freie Güter selbst fördern individuelle Selbstentfaltung}








Freie Güter fördern also selbst die individuelle Selbstentfaltung vor
allem der NutzerInnen. Die heutige Orientierung auf einen abstrakten
Verwertungszwang wird abgelöst durch eine Maximierung des
breitbandigen Nutzens eines Produkts. Die Handlungsmöglichkeiten und
damit auch die Verantwortung liegen dabei deutlich stärker als heute
bei den NutzerInnen.


\section{Neue Einrichtungen}


So wie heute Banken eine wichtige Rolle für das Geldsystem spielen,
wird es Einrichtungen geben, die die veränderten Bedürfnisse eine
GPL-Gesellschaft befriedigen. Solche Einrichtungen werden teilweise
aus Bekanntem erwachsen, teilweise aber auch völlig neu sein.


\subsection{Produktinformation anstatt Werbung}











Die heute übliche Warenwerbung wächst aus einem Verwertungsinteresse
und hat daher die Tendenz zu nerven. Daß Werbung kein Bedürfnis der
KonsumentInnen darstellt, läßt sich schon daran ablesen, daß die
WarenanbieterInnen zum Teil erhebliche Summen ausgeben um die vor
allem für sie nützliche Message{\footnote{Werbung ist vergleichbar mit
Dünger, der für Pflanzen quasi eine Zwangsernährung darstellt. Die
Werbetreibenden wollen genau wie die Düngenden einen Profit aus ihren
Anstrengungen schlagen. Dies liegt aber weder im Interesse der
Pflanzen noch der KundInnen.}} an potentielle KundInnen zu bringen.








Ein sinnvoller Anteil an Werbung - heute oft nur noch in
Spurenelementen vorhanden - ist aber die Information über ein
bestimmtes Produkt. Dieser Informationsanteil wäre auch in einer
GPL-Gesellschaft von Interesse, dient er doch potentiellen NutzerInnen
eines Guts. Schon heute lassen sich die interessantesten
Produktinformationen übrigens zuweilen im Internet finden. Ein
ausgesprochen sinnvoller Ansatz, da das Internet allen KundInnen /
NutzerInnen mit minimalem Aufwand alle Information zur Verfügung
stellen kann, die diese über ein Produkt ihres Interesses haben
möchten.


\subsection{MaintainerInnen-Schulen}











Bei der Freien Software erleben wir häufig das
MaintainerInnen-Prinzip. Ausgezeichnete
Projektmitglieder{\footnote{Wie diese Projektmitglieder in diese
Position kommen ist bei Freier Software sehr unterschiedlich. In
einigen Fällen werden auch Rotationssysteme eingesetzt.}} dienen dem
Projekt und den anderen Mitgliedern, indem sie sich
gesamtverantwortlich{\footnote{Verantwortlich handelt im Grunde jedes
Projektmitglied - schon aus dem eigenen Interesse an einem gelingenden
Projekt. Gesamtverantwortung meint hier, das Projekt als Ganzes und
dessen Entwicklung im Auge zu behalten. Es handelt sich also um ein
Feld von vielen, auf dem Verantwortung zu übernehmen ist.}} um das
Projekt kümmern. Getragen werden sie von den anderen
Projektmitgliedern, die ein Vertrauen in die persönliche Kompetenz der
MaintainerIn haben. Ist diese Vertrauensbasis nicht gegeben, dann kann
es durchaus geschehen, daß eine MaintainerIn ein Projekt zerstört.





Diese spezielle MaintainerInnen-Tätigkeit hat natürlich viel mit
sozialen Fähigkeiten, Erfahrung und Fingerspitzengefühl zu tun - also
etwas, was mit Ausbildung zumindest gefördert werden kann. Da solche
vertrauensbasierte MaintainerInnen-Tätigkeit in einer
GPL-Gesellschaft{\footnote{MaintainerInnen-Tätigkeit ist in manchen
Aspekten vergleichbar mit Führungsaufgaben. Allerdings sind in der
kapitalistischen Kommandowirtschaft auch heute noch Befehl und
Gehorsam an der Tagesordnung. Vertrauen und Kompetenz spielen oft nur
eine untergeordnete Rolle gegenüber Macht- und Herrschaftsansprüchen
einerseits und Abwehr von Zumutungen und stiller Verweigerung
andererseits. Darunter leidet die kapitalistische Produktionsweise
desto stärker, desto mehr der Arbeitsgegenstand kreativer Natur ist.}}
eine wichtige Rolle spielt, werden Schulungseinrichtungen für
MaintainerInnen ebenfalls eine wichtige Rolle spielen.














Neben sozialen Kompetenzen werden fachliche Kompetenzen natürlich
auch weiterhin{\footnote{Lediglich allen geldbezogenen Kompetenzen
werden in einer GPL-Gesellschaft auf dem Müllhaufen der Geschichte
landen.}} gebraucht. Ein wichtiger Aspekt von Selbstentfaltung ist ja
die Entfaltung eigener Kompetenzen und auch deren Steigerung. Immerhin
steigern sich mit steigender Kompetenz auch die Handlungsmöglichkeiten
und damit die Freiheit der Einzelnen.


\subsection{Freie Gruppe berechnet Öko-Rucksäcke von Gütern}





Um potentiellen NutzerInnen eine Information zu geben, wie sehr ein
bestimmtes Produkt die Umwelt bei Herstellung oder Benutzung belastet,
wäre es günstig, für alle Produkte Öko-Rucksäcke zu berechnen. Solche
produktbezogenen Öko-Rucksäcke könnten Grundlage für ein konkretes
Äquivalent zur Begrenzungsfunktion bilden, die das Geld in der
kapitalistischen Wirtschaft in Bezug auf die eingesetzte Arbeitskraft
bildet. Allerdings verschiebt sich der Fokus weg von abstrakten
Arbeitsquanta hin zu konkretem Umweltverbrauch, was gegenüber heute
schon ein gewaltiger Gewinn wäre.


\subsection{Rohrpost als Transportmedium}














Viele, viele technische Neuerungen sind natürlich in einer
GPL-Gesellschaft sinnvoll. Eine unterirdische Rohrpost, die sogar mit
heutigen technischen Mitteln{\footnote{Vgl.
\verb!http://www.cargocap.de/!, das in der {\textit{hitec}}-Sendung
{\textit{Die Metropolen von morgen - Die Zukunft der Stadt}}
vorgestellt wurde.}} bereits kostengünstig realisierbar wäre, könnte
den veränderten Bedürfnissen einer GPL-Gesellschaft stark
entgegenkommen. Ein gut ausgebautes Rohrpostsystem könnte noch
wesentlich flexibler sein, als die Verkehrsträger Straße oder Schiene
und es könnte zudem noch viel stärker automatisiert werden, so daß
große Arbeitsmengen, die heute in den Warentransport gesteckt werden,
schlicht entfallen würden.


\subsection*{{\textbf{Fazit: }}Viele neuartige Einrichtungen werden sinnvoll sein}





In einer GPL-Gesellschaft wird es viele neue Einrichtungen geben, die
die herkömmlichen Einrichtungen ergänzen oder ersetzen werden. An
vielen Stellen werden bekannte Einrichtungen mehr oder weniger
verändert werden müssen, um den veränderten Rahmenbedingungen gerecht
zu werden.


\section{Individuelle Aspekte}


Nach den vielen gesellschaftlichen Aspekten folgen hier ein paar
Überlegungen, welche konkreten Veränderungen eine GPL-Gesellschaft für
die Individuen bringen könnte.


\subsection{Würdigung für Leistung, Anstrengung, Fähigkeiten}











Bestimmte individuelle Leistungen, besonders große Anstrengungen oder
besonders ausgebildete Fähigkeiten werden auch in einer
GPL-Gesellschaft besonders gewürdigt werden, da sie einem menschlichen
Bedürfnis nach Anerkennung entsprechen. Dabei dürfte eine Würdigung um
so größer ausfallen, je mehr der gewürdigte Beitrag der
Gesamtgesellschaft zu Gute kommt. Solche Würdigung kann natürlich
umgekehrt einen Beitrag{\footnote{Allerdings darf solche Würdigung
oder die mit einer öffentlichen Würdigung evt. einhergehende erhöhte
öffentliche Aufmerksamkeit nicht als eine Art Währung mißverstanden
werden. Weder Würdigung noch Aufmerksamkeit erfüllen fundamentale
Anforderungen an eine Währung. Insbesondere ist weder die
Transitivität gegeben, noch ist auch nur annähernd klar, wie eine
solche "Aufmerksamkeitswährung" gequantelt werden sollte. Andersherum
läßt sich Aufmerksamkeit oder eine öffentliche Würdigung natürlich
dort kapitalisieren, wo Aufmerksamkeit den Marktwert einer Person
steigert. Aufmerksamkeit oder Würdigung mag sich also in manchen
Fällen in eine Währung transformieren lassen, dadurch wird es aber
noch nicht selbst zur Währung.}} zur individuellen Selbstentfaltung
der gewürdigten Person leisten.











Wird heute zuweilen eine besondere Leistung mit einer abstrakten
Geldzahlung gewürdigt{\footnote{Dieses Prinzip der erhöhten
Geldzahlungen aufgrund einer erhöhten Leistung kann überhaupt nur dann
funktionieren, wenn in irgendeiner Form auf Leistungsbasis bezahlt
wird. Wenn es für keine Leistung mehr eine Bezahlung gibt, dann kann
auch eine besondere Leistung nicht mehr besonders bezahlt werden.}},
so sind auch die Würdigungen in einer GPL-Gesellschaft sehr viel
konkreterer Natur: Eine konkrete Anerkennung wird von einer bestimmten
Person an eine bestimmte andere Person ausgesprochen. Diese Form der
Würdigung ist viel befriedigender, als etwas größere Zahlen auf einem
Konto{\footnote{Die Studie {\textit{Studies Find Reward Often No
Motivator -- Creativity and intrinsic interest diminish if task is
done for gain}} stellt fest, daß eine gesteigerte Bezahlung oft
{\textit{nicht}} als besonderer Anreiz für Kreativität und Interesse
dienen. Damit widerspricht die Studie einer der fundamentalen
Denkfiguren kapitalistischen Wirtschaftens.}}.


\subsection{Individuen brauchen Möglichkeiten zur...}


\subsubsection*{...Selbstentfaltung}








Wie klar geworden sein dürfte, ist die Möglichkeit der individuellen
Selbstentfaltung für eine GPL-Gesellschaft zentral. Das produktive Tun
der Individuen muß also in irgendeiner Form Spaß machen, so daß es
keines äußeren Antriebs mehr bedarf. Die Teile der gesellschaftlichen
Notwendigkeiten, für die sich partout niemensch findet, die sie als
Selbstentfaltung begreifen kann, müssen reduziert und in Richtung
Selbstentfaltung verändert und damit tendenziell abgeschafft werden.
Neben weiterer technischer Unterstützung für viele gesellschaftlich
notwendige Vorgänge - also neben mehr Automatisierung - würden durch
den Wegfall des Fetischsystems Geld auch zahlreiche, heute noch
unabdingbare Funktionsbereiche komplett entfallen (z.B. Banken,
Versicherungen, Steuerverwaltung, Werbung wo sie nicht
Produktinformation ist, Abrechnung, etc.).


\subsubsection*{...Verantwortung}





In der Freien Software können wir sehen, wie EntwicklerInnen
Verantwortung für ihr Handeln übernehmen. Am deutlichsten zeigt sich
das vielleicht in dem Support bzw. der Pflege, den
Freie-Software-EntwicklerInnen in der Regel ihrem Produkt angedeihen
lassen. Diese Möglichkeit zu dieser Art der Verantwortung für das
eigene Handeln wird in einer GPL-Gesellschaft wichtig sein.











Dabei hängen Freiheit und Verantwortung eng zusammen. Einerseits kann
nur wer frei in seinen Handlungen ist, überhaupt Verantwortung
übernehmen. In unserem Rechtssystem spiegelt sich dies z.B. in der
eingeschränkten Schuldfähigkeit von Menschen wieder, die zum Zeitpunkt
einer Straftat nur eingeschränkt frei waren.


Andererseits kann Freiheit nur in Verbindung mit Verantwortung als
sinnhaft begriffen werden. Eine völlig entbettete Freiheit bar jeder
Verantwortung, eine völlige Grenzenlosigkeit ist lediglich die
Antithese zu einer empfundenen Unfreiheit. Sie kann von Menschen als
gesellschaftliche Wesen aber niemals als langfristige Befriedigung
empfunden werden.


\subsection{Was will ich heute tun? Was ist notwendig?}





Selbst bis in die individuelle Tagesplanung hinein wird eine
GPL-Gesellschaft Auswirkungen haben. Während heute die Frage steht,
wie ich mich heute den äußeren Zwängen wie z.B. Lohnarbeit stelle -
oder mich ihnen ggf. am trickreichsten entziehe -, wäre in einer
GPL-Gesellschaft die Frage, wonach mir heute der Sinn steht.
Eingebettet in die erwähnte Verantwortung für das eigene Handeln und
in Abwägung der Notwendigkeiten könnte jedeR frei entscheiden, was für
den heutigen Tag ansteht.


\subsection*{{\textbf{Fazit: }}Selbstentfaltung bringt individuelle Lebensqualität}





Wahrscheinlich ist das gar nicht nötig zu erwähnen, aber die
Selbstentfaltung einer GPL-Gesellschaft bringt auch ein erhebliches
Mehr an individueller Lebensqualität. Darunter darf die Meßlatte für
eine neue Gesellschaft nicht liegen.


\section{Neue Interessenlagen}








Jede gesellschaftliche Formation ist durch die dominanten
Interessenlagen sowohl der Individuen als auch der Gesamtgesellschaft
entscheidend geprägt, wobei gesellschaftliche und individuelle
Interessenlagen natürlich eng aneinander gekoppelt sind. Eine
GPL-Gesellschaft kann also nur dann als eine neue gesellschaftliche
Formation existieren, wenn die dominanten Interessenlagen sich von den
heutigen unterscheiden. Auch wenn in den vorherigen Abschnitten dieses
Beitrags schon hier und da die dominanten Interessenlagen einer
GPL-Gesellschaft aufgeschienen sein dürften, hier noch einmal einige
Anmerkungen zu diesem Komplex.


\subsection{ProduzentInnen sind nicht mehr am Absatz interessiert}








Im Kapitalismus ist es individuell - hier in der
betriebswirtschaftlichen Sicht - sinnvoll, möglichst viele
Produkte{\footnote{Wie an vielen anderen Stellen im Kapitalismus zeigt
sich hier ein Widerspruch zwischen gesamtgesellschaftlichen und
betriebswirtschaftlichen Interessen. Für die KapitalistIn ist nur
entscheidend, daß ihr Produkt verkauft wird - ob das Produkt
gesellschaftlich sinnvoll ist, ist ihr egal. So ist es
betriebswirtschaftlich genauso sinnvoll medizinische Geräte
herzustellen wie Tellerminen - solange der Absatz stimmt. Auch dies
ist eine Folge der Abstraktion vom Gebrauchswert eines Produkts und
der Konzentration auf seinen Tauschwert.}} zu verkaufen. Unter
normalen Umständen erhöht sich mit jedem verkauften Stück der Profit
um dessen Willen die Produktion ja überhaupt erst stattgefunden hat.











Bei Freien Produkten kann es der ProduzentIn hingegen völlig egal
sein, wieviele Menschen ihr Produkt nutzen. Ihren individuellen Gewinn
zieht sie ja nicht aus dem Absatz des Produkts, sondern er besteht in
der Selbstentfaltung, die sie bei der Produktion des Produkts selbst
empfindet. Eine Freie ProduzentIn hat also kein individuelles
Interesse{\footnote{Wenn die massenhafte Anerkennung durch andere ein
bedeutender Teil der Selbstentfaltung der ProduzentIn ist, dann hat
sie natürlich durchaus ein Interesse an einer massenhaften Verwendung.
Dies ist allerdings ein Spezialfall, der bei weitem nicht die
Bedeutung hat, wie die Profitorientierung im Kapitalismus.}} an einem
maximalen Absatz{\footnote{Das Bemühen der Freien ProduzentIn an einer
möglichst hohen Qualität ihres Produkts kann einen Grund für ein
Interesse an einem massenhaften Absatz liefern, denn viele (aktive)
NutzerInnen können der ProduzentIn beim Aufspüren von Fehlern und
Unzulänglichkeiten des Produkts helfen.}}.











Da neben den ProduzentInnen der Güter auch sonst niemensch mehr ein
Interesse an einem maximalen Güterge- bzw. -verbrauch hat, gibt es in
einer GPL-Gesellschaft kein Interesse mehr daran, jemenschem etwas
aufzudrücken. Der ganze Marketing- und PR-Bereich wird damit
überflüssig und statt zu kaufen, was irgendwelche Werbung
vorgibt{\footnote{Da niemensch mehr ein Interesse an neuen
(kaufkräftigen) Bedürfnissen hat, die sie dann mit den entsprechenden
Waren zu decken gedenkt, erledigt sich damit auch die gesamte Frage
der künstlichen Bedürfnisproduktion.}}, nehmen die
Gesellschaftsmitglieder nach individuellen Bedürfnissen.


\subsection{Konkurrenz als Verbesserungsanreiz überflüssig}








Da im Kapitalismus die Produktion aus äußeren, abstrakten Gründen
stattfindet - der Profitmaximierung - bedarf es auch eines äußeren,
letztlich genauso abstrakten Anreizes zur Verbesserung von Produkten:
die Konkurrenz. Die Qualität eines Produkts ist bei marktförmigen
Beziehungen nur relativ zu Konkurrenzprodukten von Interesse. Gibt es
keine Konkurrenzprodukte{\footnote{Dies wissen natürlich auch die
KapitalistInnen und versuchen daher für ihre Produkte eine Nische zu
finden, in der sie keinerlei Konkurrenzdruck zu bestehen haben. Die
ggf. durch Patente abgesicherten sogenannten Alleinstellungsmerkmale
erzeugen einen Überfluß an mehr oder weniger kleinen Unterschieden,
der aber lediglich dem Wunsch der KapitalistInnen entspricht, sich
nicht der Konkurrenz stellen müssen. Für eine möglichst hohe
Produktqualität wäre es dagegen viel sinnvoller, alle nützlichen
Features in einem Produkt zusammenzufassen.}} oder ist der
Konkurrenzdruck erträglich, so ist auch keine Weiterentwicklung von
Produkten notwendig{\footnote{Es gibt in der Geschichte des
Kapitalismus einige Beispiele dafür, wie nützliche Erfindungen meist
einzelner ErfinderInnen von Kapitalgruppen des entsprechenden Sektors
aufgekauft wurden - um für immer in der Schublade zu verschwinden.
Auch dies ist ein Beispiel für den Mißbrauch guter Ideen im
Kapitalismus.}}.























Bei Freier Entwicklung gibt es hingegen ein direktes, unmittelbares
Verbesserungsinteresse der EntwicklerInnen, daß sich aus mehreren
Quellen{\footnote{Bereits mehrfach angesprochen wurde, daß der Wunsch
nach hoher Qualität an sich schon ein Teil von Selbstentfaltung sein
kann. Ebenfalls schon angesprochen wurde, daß zufriedene NutzerInnen
auch für die ProduzentIn eine Entlastung sind.}} speist. Durch den
Peer-Review{\footnote{Auch in der Wissenschaft gibt es gelegentlich
Peer-Review-Techniken. Da allerdings praktisch alle
WissenschaftlerInnen Verwertungszwängen unterliegen, haben alle
WissenschaftlerInnen ein Interesse an einer möglichst positiven
Bewertung ihrer eigenen Arbeit. Es bildet sich auf diese Weise schnell
ein System gegenseitiger Gefälligkeiten aus, das der Qualität der
Arbeit alles andere als dienlich ist.}}, wie wir ihn in der Freien
Software beobachten können, wird dieser kontinuierliche
Verbesserungsprozeß vergesellschaftet und am Laufen gehalten. Es ist
also keine Konkurrenz mehr nötig{\footnote{Dies bedeutet freilich
nicht, daß es Konkurrenz völlig verschwinden würde. Einerseits spricht
nicht viel gegen mehrere Alternativen in einer bestimmten Güterklasse,
die aus dem einen oder anderen Grund entstanden sind. Andererseits ist
es aber auch denkbar, daß es zwischen Alternativprodukten
konkurrenzartige, also wettstreitende Verhältnisse geben wird.
Entscheidend ist aber, daß diese Konkurrenzen einen völlig anderen
Charakter haben werden als die im Kapitalismus bekannten. Insbesondere
hängt in einer GPL-Gesellschaft niemenschens Überleben von einem Sieg
in einem Konkurrenzkampf ab.}}, um die ProduzentInnen zu
Verbesserungen anzuregen. Vielmehr fließen neue Ideen und Wünsche der
NutzerInnen ganz automatisch in die Weiterentwicklung von Produkten
ein.


\subsection{Niemensch hat mehr Interesse an Knappheit}








Ähnlich wie im Kapitalismus ein Interesse an Massenabsatz besteht,
gibt es ein fundamentales Interesse an Knappheit. Ohne Knappheit ist
eine Verwertung überhaupt nicht vorstellbar, da nur knappe Güter
überhaupt verkauft werden können. Bildet Knappheit die Grundlage von
Verwertung und somit einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung, so
ist sie aber bei näherem Hinsehen ein Übel, da es die unbeschränkte
Selbstentfaltung behindert.











Fällt in einer GPL-Gesellschaft der Zwang zur Verwertung weg, so
fällt damit auch automatisch das Interesse der ProduzentInnen an
Knappheit weg. Künstlich produzierte Knappheit, solche also, die sich
nicht knappen Ressourcen{\footnote{Gewisse Ressourcen werden natürlich
auch in einer GPL-Gesellschaft knapp bleiben - es gibt eben weder
unbeschränkt viele Rohstoffe noch eine unbeschränkte
Regenerationsfähigkeit von Natur. In einer GPL-Gesellschaft wäre es
aber ein gesamtgesellschaftliches Interesse, Knappheit zu minimieren
und mit den vorhandenen Mitteln möglichst viele Bedürfnisse zu
befriedigen.}} verdankt, sondern z.B. mit Gesetzen erzwungen
wird{\footnote{Besonders augenfällig ist dies im Bereich der Software,
wo es jenseits der Verwertungsinteressen der ProduzentInnen überhaupt
keinen Grund für eine Verknappung gibt. Es ist vermutlich kein Zufall,
daß sich die Keimform einer GPL-Gesellschaft gerade auf diesem Gebiet
entwickelt hat, wo die Widersprüche zwischen Machbarem und Erlaubtem
so eklatant sind.}}, an solcher künstlich produzierten Knappheit hat
in einer GPL-Gesellschaft niemensch mehr ein Interesse.


\subsection{Gearbeitet wird um Arbeit zu sparen}





Während im Kapitalismus auch dann noch die Parole "Arbeit, Arbeit,
Arbeit!" ausgegeben wird, wenn ein Mehr an Arbeit nur noch die
destruktiven Potenzen dieser Vergesellschaftungsform steigen würde,
während im Kapitalismus die Menschen und die Gesamtgesellschaft ein
völlig fetischiertes Verhältnis zur Arbeit haben, wäre die obige
Parole in einer GPL-Gesellschaft ein Fluch, den jemensch ausstößt, der
sich einer übermäßigen, jedenfalls unerwünschten Belastung gegenüber
sieht.








In einer GPL-Gesellschaft gäbe es kein Interesse mehr an einer
Maximierung von Arbeit, sondern vielmehr gäbe es ein individuelles und
gesamtgesellschaftliches Interesse an einer Minimierung notwendiger
Tätigkeiten, denn durch ein geringeres Maß an Notwendigkeiten wird das
Maß möglicher Selbstentfaltung auf frei gewählten Gebieten erhöht. Wie
uns die Freie Software eindrucksvoll zeigt, kommt die Selbstentfaltung
auf frei gewählten Gebieten aber nicht nur der Einzelnen zu Gute,
sondern liegt im Interesse der Gesamtgesellschaft.


\subsection{Kein struktureller Zwang mehr zur Tätigkeit}











Heutige Arbeit ist höchstens bedingt Selbstentfaltung und daher
braucht es einen strukturellen, abstrakten Zwang, damit sich die
Menschen dieser Arbeit unterwerfen. Dieser Zwang ist im Kapitalismus
im wesentlichen der Zwang zum Geldverdienen, zur Verwertung der
eigenen Arbeitskraft{\footnote{Hier kommen auch alle
Sozialhilfebemühungen in Schwierigkeiten, da diese den Zwang zum
Geldverdienen tendenziell mildern und somit eigentlich systemfremd
sind. Nicht umsonst gibt es ein Lohnabstandsgebot, das selbst
miserabelst bezahlte Lohnarbeit attraktiver machen soll als
Sozialhilfe. Wird wie heute aufgrund der gesellschaftlichen
Gesamtkonstellation diese Armutspeitsche immer weniger als
Arbeitszwang verstanden, so werden SozialhilfeempfängerInnen immer
öfter direkt zu Arbeit herangezogen, die praktisch gar nicht mehr
entlohnt wird und reguläre Arbeitsplätze tendenziell verdrängt. Ein
Paradebeispiel für den Fetischcharakter der Arbeit, dem umso mehr
gehuldigt wird, je stärker das gesamte Arbeitssystem in die Krise
gerät.}}.











Ist die nützliche Tätigkeit jedoch Selbstentfaltung, dann braucht es
keinen äußeren Zwang, der die Menschen zu dieser nützlichen Tätigkeit
bringt. Vielmehr werden die Menschen
freiwillig{\footnote{Notwendigkeiten, die im menschlichen Leben immer
vorkommen werden, haben zwar auch einen Zwangscharakter, jedoch ist er
hier ganz konkreter, einsehbarer Natur und wird nicht durch äußere
abstrakte Einrichtungen erst hergestellt.}} aus je individuellen
Gründen tätig.


\subsection*{{\textbf{Fazit: }}Veränderte Interessenlagen machen Tauschwirtschaft absurd}





Die veränderten Interessenlagen einer GPL-Gesellschaft machen eine
Tauschwirtschaft mit Knappheit und Massenabsatz letztlich absurd.
Diese veränderten Interessenlagen, die wir in der Freien Software
keimförmig beobachten können, bilden letztlich dem Motor für eine
Entwicklung in Richtung einer GPL-Gesellschaft.











Politisches Handeln, das der Erreichung einer GPL-Gesellschaft dienen
soll, muß sich also vorrangig für diese Interessenlagen einer
GPL-Gesellschaft einsetzen, die in der bestehenden Gesellschaft zwar
angelegt sind gegenüber alten Interessenlagen aber noch nicht dominant
geworden sind. Das {\textit{Projekt Oekonux}} und die {\textit{1.
Oekonux-Konferenz}}, auf der dieser Beitrag erstmals vorgetragen
wurde, stellen für mich{\footnote{An dieser Stelle nochmals der
Hinweis, daß alles Gesagte zunächst ausschließlich meine Meinung
darstellt und nicht eine irgendwie geartete Projektmeinung vertritt.}}
solches Handeln dar.


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